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Mit dem Tschador kokettieren
Fattaneh Haj Seyed Javadis "Der Morgen der Trunkenheit"

Ein Kommentar von Stefan Weidner

Ein solches Buch aus dem Orient hat man lange gesucht. Seit der Ägypter Nagib Machfus 1988 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, bemühen sich die Verlage um die Literatur aus dem arabischen, persischen und türkischen Sprachraum. Man hofft dabei auf einen Boom wie bei der lateinamerikanischen Literatur, wo die Crème der Autoren allmählich abgeschöpft ist oder unbezahlbar wird. Zwar gibt es Teilerfolge, etwa mit den Romanen des Türken Orhan Pamuk oder mit Mahmud Doulatabadis Epen aus der iranischen Steppe. Dennoch: Einen Gabriel García Marquez oder eine Isabel Allende, die mit wenigen Büchern ganze Verlagsprogramme aus der Verlustzone reißen, gab es aus dem Orient noch nicht zu vermelden. Das könnte sich jetzt ändern.

Von der 1945 geborenen Perserin Fattaneh Haj Seyed Javadi, von der bis vor kurzem selbst die findigsten Literaturagenten nicht einmal den Namen kannten, ist auf Deutsch das Buch erschienen, das seit fünf Jahren in Iran ein Bestseller ist: "Der Morgen der Trunkenheit". Nun sind, gerade was Verkaufserfolge betrifft, die literarischen Geschmäcker denkbar kulturspezifisch. Was in Spanien ein Bestseller ist, muss hier zu Lande noch lang keiner sein. Das gilt erst recht für den Orient. In diesem Fall aber versteht man sofort, warum die Perser den Roman verschlungen haben. Es ist eine jener klassischen, zeit- und ortlosen Liebesgeschichten, die, so sehr sie in einem lokalen Umfeld wurzeln, alle kulturellen Grenzen wie im Flug überschreiten.

Der Roman spielt fast nur in geschlossenen Räumen, im inneren, für die Frauen bestimmten Teil des Hauses, dem "Andaruniö, wie es auf persisch heißt: "Als ob ich mich nicht auf dieser Welt befunden hätte, ich war in einer anderen. Nur an das, was ich mir wünschte, erinnerte ich mich." Mahbube, fünfzehnjährige, äußerst hübsche und ebenso eigensinnige Tochter aus reichem Haus im Teheran der 30er-Jahre verliebt sich in einen armen Schreinerlehrling. Ein halbes Jahrhundert später erzählt sie diese Geschichte ihrer Nichte, die vor einer ähnlichen Entscheidung steht, und die sie warnen will. Denn die Ehe zwischen Mahbube und dem Schreiner ist, ganz wie der Vater voraussagte, unglücklich, zu groß sind die Klassenunterschiede. Aber so vorhersehbar die Zerrüttung dieser Ehe - mit tatkräftiger Hilfe der Schwiegermutter - scheint, die Geschichte fesselt gleichwohl. Geschickt arbeitet Javadi durch den Dialog die Perfidie der Schwiegermutter heraus und führt Mahbubes Unfähigkeit vor, sich im selben frechen Ton zu wehren. Von ihrem Geld führt der Schreiner ein Lotterleben, lässt seine Ambitionen auf eine Offizierslaufbahn fallen, hält andere Geliebte aus. Ein Kind hat Mahbube da schon von ihm, und um sie (und ihre reiche Familie) weiter zu binden, soll das zweite her. Als sie schwanger wird und einer Badewärterin im Hammam - denn nur um ins öffentliche Badehaus zu gehen, darf sie allein auf die Straße - ihr Herz ausschüttet, wird sie zu einer Engelmacherin gebracht. Die Abtreibung, vorgenommen mit einem Federkiel, zählt zu den erschütterndsten Szenen des Buchs.

Die kompositorische Strenge und dramaturgische Zielstrebigkeit, mit der diese persische Autorin ihre Story angeht, verblüfft auch hier. Ausgerechnet der tiefste Abgrund, in den Mahbube durch die Abtreibung geraten ist, bringt den Umschwung, langsam und schmerzhaft zwar, aber sicher. Die Abtreibung erscheint so einerseits als Akt der Emanzipation und wird als solcher belohnt mit der Befreiung der Heldin. Andererseits erscheint sie als Frevel und löst, besonders nach dem plötzlichen Tod von Mahbubes erstem Kind, die tiefste Reue aus: Denn sie ist seither unfruchtbar. Dieser Makel bleibt an ihr haften. Sie kehrt in ihr Elternhaus zurück und heiratet als Zweitfrau den Cousin, dem sie einst schnöde einen Korb gab.

Obgleich sich die Perspektive vordergründig auf Mahbubes enge Welt beschränkt, kommen zahlreiche gesellschaftliche Konflikte Persiens zur Sprache, die Vielehe und die abhängige Stellung der Frau, Standesunterschiede, die als unüberbrückbar erscheinen, der Kampf zwischen Individualität und Tradition. Ein wenig irritierend für westliche Leser dürfte allerdings sein, dass diese Probleme eher im konservativen Sinne entschieden werden. Die Frau ist zum Heiraten und Kinderkriegen da, und nur wenn sie hässlich ist, wie die pockennarbige erste Frau des Cousins, hat sie auch geistige Ambitionen. Das sind Klischees. So sehr man sich aber aus dem Abstand darüber ärgern mag, die Szene ist dennoch bewegend, in der Mahbube ihr prächtiges Haar vor der ersten Frau ihres Cousins ausbreitet, während diese Seelenqualen erleidet. Denn sie ist vor Pockennarben fast kahl und würde es nie wagen, sich vor anderen zu entblößen.

"Der Morgen der Trunkenheit besticht durch seine brillante narrative Ökonomie. Trotz der 400 Seiten entfaltet sich die Geschichte völlig schnörkellos. Es gibt darin keinen Sex und nur sparsam dosierte, aber sehr effektvolle Brutalität, keine Exotik und keine großen Geheimnisse. Dies alles vermisst man nicht, weil das Buch mit einer viel sublimeren Sinnlichkeit aufgeladen ist. Es beginnt mit den Sommerhäusern und ihren Gärten, zu denen die Familien immer wieder aufbrechen. Dann sind es die persischen Häuser, die allesamt wie kleine Paläste erscheinen, wenn sich noch das bescheidenste um einen offenen Hof mit Fontäne gruppiert, der vom so genannten "Eiwanö, einem zum Hof hin offenen, hochgewölbten, repräsentativen Raum dominiert wird. Es sind die mannigfaltigen persischen Gerichte und die nicht minder eingehend geschilderten, aber seltsamerweise nie ermüdenden Hochzeitszeremonien. Die mutige Entscheidung der Übersetzerin und des Verlags, die persischen Eigennamen beizubehalten, trägt ihren Teil zu dieser Sinnlichkeit bei. Sie erfordert das zu Anfang vielleicht ärgerliche Blättern in dem Glossar, aber sie belohnt mit viel authentischer anmutenden Schilderungen und einem einzigartigen Einblick in die persische Alltagskultur.

Für die iranische Gesellschaft zwanzig Jahre nach der islamischen Revolution ist dieser Roman nahezu repräsentativ. Mit seinem unterschwelligen Plädoyer gegen Individualismus, schrankenlose Selbstbestimmung und leichtfertige Emanzipation wirkt er konservativ; doch er ist konservativ aus dem Geist säkularer, bildungsbeflissener Tradition, die entschieden gegen die Finsternis religiösen Fanatismus gerichtet ist. Der Tschador wird getragen, aber er ist vor allem ein Instrument der Koketterie und Grenzüberschreitung, kein Indiz für Biederkeit. Das könnte eine spezifische Variante des goldenen Mittelwegs zwischen religiöser Tradition und Moderne sein, den der iranische Staatspräsident Chatami immer wieder beschwört. Auch der ebenso symptomatische Verzicht auf die direkte Behandlung politischer Themen wirkt sich, jedenfalls literarisch, als Gewinn aus. Nicht selten haben die persischen Autoren der Gegenwart ihre erzählerischen Mittel überspannt beim Versuch, hohe Literatur und expliziten Protest gegen die Zustände in Iran zu verbinden. Nur wenigen gelang dies so überzeugend wie Huschang Golschiri, dem im Juni verstorbenen Altmeister der persischen Erzählkunst, der mit seinem Band "Der Mann mit der roten Krawatteö auf Deutsch bereits zu entdecken war. Mag Fattaneh Haj Seyed Javadi im Vergleich zu Golschiri eine eher konventionelle Erzählerin sein, sie ist eine Stimme von eigenem Recht in der heutigen iranischen Prosa. "Der Morgen der Trunkenheitö ist ein Glücksfall für die orientalische Literatur. Er ist ein Glück für seine Leser.