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Gedichte und Texte von Menschen aus P a l ä s t i n a & I s r a el
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es lesen:

S a b i n e W a c k e r n a g e l & W o l f r a m M u c h a

Sonntag / 08. September 2002 / 19.00 Uhr, DGB-Haus, Spohrstr. 6-8, Nähe Königsplatz


Autorensammlung - Kurzbiographien

URI AVNERY:
79, Publizist und Friedensaktivist, wurde in Westfalen geboren und emigrierte 1933 nach Palästina. Er wurde im Alter von noch nicht einmal 15 Jahren Mitglied der Untergrund- und Widerstandsorganisation "Irgun Zvai Leumi" und kämpfte gegen die Briten in Palästina. Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 war er Mitglied der Hagana. An der ägyptischen Front schwer verwundet, begann er, Kriegsreportagen zu schreiben. 1949 kaufte er die Zeitschrift "Ha`olam Ha´zeh".
Als Herausgeber und Chefredaktuer polemisierte Avnery gegen das israelische Establishment. Ben Gurion bezeichnete Avnery und seine Zeitung als Israels Staatsfeind Nr.1. 1965 wurde ein neues pressegesetz verabschiedet, das sich eindeutig gegen "Ha`olam Ha´zeh" richtete, waoraufhin Avnery eine Partei gleichen Namens gründete und in die Knesset einzog. Für sein Engagement im Friedensblock "Gush Shalom" wurde Avnery mit seiner Frau Rachel im Oktober 2002 mit dem alternativen Friedensnobelpreis in Stockholm ausgezeichnet. Er erhielt außerdem in diesem Jahr, 2002, den Carl-von-Ossietzky-Preis.

LUDWIG WATZAL:
Der Autor ist Redakteur bei der deutschen Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn. Zuletzt von ihm erschienen: Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

BEATA LIPMAN:
Überlebte als Kind deutscher Juden das faschistische Deutschland. Sie veröffentlichte nach über dreißigjährigem Aufenthalt in Südafrika das Buch "Wir schaffen uns ein freies Land.Frauen in Südafrika". Die feministische Journalistin lebt heute als unabhängige Fernsehproduzentin in Großbritannien.

SUMAYA FARHAT-NASER:
Die palästinensische Friedensaktivistin lebt in Birzeit bei Jerusalem und ist dort Professorin an der Universität. Von 1997 bis 2001 war sie Leiterin des palästinensischen "Jerusalem Center for Women" in Ost-Jerusalem. Gemeinsam mit dem israelischen "Bat Schalom" (Tochter des Friedens) in West-Jerusalem (diese beiden Frauenzentren wurden 1994 mit Unterstützung der Europäischen Kommission gegründet) bilden sie das "Jerusalem Link".
Sumaya Farhat-Naser war Rednerin auf dem Friedenspolitischen Ratschlag in Kassel 2001.

SUBHI ZOBAIDI:
Wurde in Jerusalem geboren. Er wuchs im Flüchtlingslager Jalazone auf und verbrachte elf Jahre in New York City. Heute lebt er in Ramallah.
Subhi Zobaidi wirkte bisher als Tänzer, Songwriter, Filmemacher und Multimediakünstler. Er schrieb und schreibt über Kunst und Kultur und nebenbei unterrichtet er. Zudem konzentriert er seine Arbeit auch immer mehr auf die Produktion und Regie von Filmen. In seinem letzten Film, einem Dokumentarfilm über politische Gefangene unter den Palästinensern, versuchte er, die Möglichkeit des Friedens zu reflektieren und zu erkunden.

BATYA GUR:
Wurde 1947 in Tel Aviv geboren und studierte Literatur an der hebräischen Universität in Jerusalem, an der sie später selbst über 20 Jahre lehrte.
Sie fing Ende der 80er Jahre an, Romane zu schreiben, die mit ihren detaillierten Milieubeschreibungen vor nationalen Tabus keinen Halt machen.

FEDWA TAWQAN:
wurde 1917 in Nablus geboren. Ihre ersten erfolgreichen Gedichte, die zur romantischen Strömung zählen, schrieb sie in der traditionellen klassischen Form. Aber schon als die arabische Dichtung begann, sich von den seit der vorislamischen Zeit überlieferten Zwängen zu befreien, wandte sich die Dichterin der noch in den Anfängen steckenden modernen freien Dichtung zu, um in dieser zeitnaheren Ausrucksform persönliche und gesellschaftliche Themen zu behandeln.
Sie gehört zu den ersten arabischen Lyrikern, die in ihrer Dichtung versuchten, aufrichtige Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Seit der Staatsgründung Israels schrieb sie vor allem Gedichte für den Widerstand. Seit 1952 hat sie zahlreiche Gedichtsammlungen herausgegeben, für die ihr mehrere arabische und internationale Preise verliehen wurden.

KHALIL GIBRAN
wurde 1883 im Nordlibanon geboren. 1905 emigrierte er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Boston, wo er Englisch lernte. Nach dreijährigem Aufenthalt kehrte er in den Libanon zurück, um seine arabischen Sprachkenntnisse am College de la Sagesse zu vervollkommnen. Vier Jahre später brach er wieder nach Boston auf, wo er sich ganz dem Schreiben widmete. Er bereiste England, Österreich, Italien , Holland und Frankreich. In Paris studierte er Malerei und Kunst u.a. bei Rodin. Wieder in Boston gründete er die Schriftstellervereinigung emigrierter libanesischer und syrischer Dichter, deren Präsident er war.
Khalil Gibran gilt als der "Goethe" des Libanon.

MAHMOUD DARWISH
Wurde 1942 in dem Dorf Al-Barwa nahe von Akka geboren. Es gehörte zu den Dörfern, die nach dem Krieg 1948 von den Israelis dem Erdboden gleichgemacht wurden. Im noch jugendlichen Alter nahm er am politischen Kampf teil und trat in die israelische kommunistische Partei ein. Wegen seiner politischen Anschauungen wurde er zu Hausarrest verurteilt.
In den Jahren 1961, 1965 und 1967 war er im Gefängnis. Er arbeitete einige Zeit als Journalist. 1971 verließ er Palästina, um in Beirut zu leben. Vom Libanon aus wurde er bekannt als der erste Dichter des Widerstandes. In seinen Werken machte er das palästinensische Problem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Problem des gequälten und verfolgten Menschen, der es ablehnt, sich seinem Schicksal zu beugen, sondern sich mutig dem Kampf stellt.

RAFIK SCHAMI
wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in der Bundesrepublik. Er arbeitete auf Baustellen und in Fabriken, studierte Chemie und Pharmakologie mit Promotionsabschluß. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller, für seine zahlreichen Veröffentlichungen wurde er mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. 1993 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und 1994 mit dem Hermann-Hesse-Preis. Rafik Schamis Werk wurde in über 15 Sprachen übersetzt. Er zählt in Deutschland zu den bedeutendsten ausländischen Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben.
In seinen Büchern schildert Rafik Schami wie wenig ein Heimat-, oder Zugehörigkeitsgefühl mit nationalen Grenzen und religiösen Konzepten zu tun hat. Vielmehr manifestiert es sich durch zwischenmenschliche Beziehungen, Verständnis und Menschlichkeit in unseren Herzen.

ERICH FRIED
wurde am 6. Mai 1921 in Wien geboren. Früh begann er zu schreiben, bis der deutsche Einmarsch 1938 ihn "aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelte." Der Vater wurde von der Gestapo ermordet, daraufhin floh Fried nach London, von wo aus er seiner Mutter und 70 anderen Personen zur Flucht verhalf.
Nach dem Krieg wurde Fried Mitarbeiter an zahlreichen neugegründeten Zeitschriften, später Kommentator deutschsprachiger Sendungen beim BBC. Diese Position gab er 1968 wegen der unveränderten Kalten-Kriegs-Position der BBC auf.
Er machte sich mit verschiedenen Gedichtbänden, seinem einzigen Roman ("Ein Soldat und ein Mädchen" 1960) und Übersetzungen (u.a. übersetzte er fast die kompletten Werke Shakespeares) einen Namen - geriet aber auch oft in Konflikt mit der öffentlichen Meinung, wenn er offen und kritisch Stellung zu politischen Themen nahm, was sich auch in vielen seiner Gedichte wiederspiegelt. Erst gegen Ende seines Lebens wurde ihm die verdiente Anerkennung in Form von Auszeichnungen wie dem Bremer Literaturpreis, dem Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis zuteil.
Erich Fried starb nach langer und schwerer Krankheit am 22. November 1988 und wurde auf dem Kensal Green in London beerdigt.

 

MAHMOUD DARWISH:

Auch wir lieben das Leben

Auch wir lieben das Leben, wann immer wir zu ihm finden
Wir tanzen zwischen zwei Märtyrern,
zwischen ihnen errichten wir für die Veilchen Palmen oder ein Minarett

Wir lieben das Leben, wann immer wir zu ihm finden

Der Seidenraupe stehlen wir einen Faden, um einen Himmel für uns zu bauen
und das Gewebe der Reise
Wir öffnen das Gartentor, damit der Jasmin auf den Straßen flaniert
Wie ein schöner Tag

Wir lieben das leben, wann immer wir zu ihm finden

Wo immer wir uns niederlassen, säen wir wuchernde Pflanzen,
Wo wir uns niederlassen ernten wir einen Toten
Wir blasen auf der Flöte die Farbe der weiten Ferne,
Wir zeichnen auf dem Staub des Weges ein Wiehern
Und schreiben unseren Namen Stein für Stein -
O Blitz, lass die Nacht klar sein, kläre sie uns ein wenig

Wir lieben das Leben, wann immer wir zu ihm finden ...



RAFIK SHAMI:

Feinde

In einem Frankfurter Cafe sitzt ein Israeli, ein dunkelhaariger Mann Mitte vierzig. Er bestellt einen Kaffee und schaut nervös auf seine Armbanduhr. Als die Uhr der nahen Kirche viermal schlägt, betritt ein älterer Araber mit Glatze und grauen Schläfen das Lokal. Er sucht nicht lange, sondern geht direkt auf den wartenden Mann zu. Dieser erblickt ihn und lächelt vielsagend.

MOSHE: Und ich dachte, du wirst wie die Araber in der Regel deinen Termin vergessen.

MOUSA: Warum sollte ich den Termin vergessen? Ich wollte aber auch nicht unbedingt überangepasst sein und auch noch früher kommen. Als ich hereinkam, musste ich lachen. Du bist Jude und ich bin Muslim und wir folgen der christlichen Zeit. Ist dir das nicht aufgefallen?, oder fühlst du dich schon als Deutscher hier?

MOSHE: Nein, das nicht, aber du hast ja dein Land, Syrien, seit einer Ewigkeit nicht betreten. Ich habe als Dozent an der Universität oft mit arabischen Studenten zu tun. Sie sind intelligent, aber, was die Zeit betrifft, unbelehrbare Chaoten. Und auch etwas fanatisch, ansonsten sehr nette Kerle, sehr hilfsbereit und gastfreundlich.

MOUSA: Da spricht nun nicht der Wissenschaftler, sondern der Kolonialherr über seine Negerle. Du musst aufpassen, denn das grenzt an Rassismus, was du da aus deinem Innern abzapfst, eine ziemlich trübe Brühe, mein Lieber ....

MOSHE: Und emotional auch noch, ja, die Araber sind sehr emotional.

MOUSA: Grüß Gott, Herr Preuße. Seit wann nehmen es Juden Arabern übel, dass sie Gefühle zeigen? Aber wahrscheinlich bist du deutscher als die Deutschen geworden, seitdem du den Spagat als Lehrer zwischen Frankfurt und Tel Aviv führst.

MOSHE: Nein, das nicht, aber du kannst keinen Witz zu Ende erzählen, ohne dass der Araber aufbraust. Ein wenig jüdischer Humor würde den Arabern gut stehen.

MOUSA: Und ein wenig Identität mit dem Mittelmeer würde den Israelis gut stehen, statt opportunistisch deutscher als die Deutschen zu erscheinen, wohlgemerkt nur in Deutschland. In Frankreich sind sie Franzosen und in Amerika fanatische Amis. Wer seid ihr überhaupt?

MOSHE: Tja, mein lieber Feind. Das ist eine sehr komplexe Frage. Da muß man die dreihundert Bände der Geschichte von Adam und Eva über die Vertreibung, Pogrome und Holocaust bis heute vorlegen, dann wirst du vielleicht eine Antwort finden, bevor du antisemitisch wirst.

MOUSA: Wie könnte ein Araber antisemitisch sein? Wir sind doch Cousins, und wer euch beschimpft, beschimpft auch uns.

MOSHE: Ersteres ist dummes Zeug, Letzteres großartig. Dummes Zeug, weil Antisemitismus eine Verbrecherideologie ist und die Türen jedem offen hält. Und Letzteres kann eine gemeinsame Antwort unserer Völker sein, wenn die Araber begreifen, dass sie die Israelis nicht besiegen können. Masada sollte euch ein Beispiel sein, zu was die Juden fähig sind, wenn sie in die Ecke getrieben werden.

MOUSA: Und Saladin sollte euch zeigen, dass, auch wenn die Kreuzzügler in siebter Generation bereits im Heiligen Land waren, einer noch kommen und die Eroberer vertreiben wird. Nicht diese Trottel und Mörder vom Schlage Khadafis oder Saddam Husseins. Nein, es wird einer kommen, mit dem keiner gerechnet hat. Es kann auch ein Kind mit einer Schleuder sein.

MOSHE: Aber sieh dich vor, mein sympathischer Feind, David, der Kleine, hat seit Urzeiten und bis zum heutigen Tag Goliath gezeigt, dass er standhaft ist.

MOUSA: Von wegen David, der kleine. Das kann euer debiler Kishon alten deutschen Omas zum Lachen verkaufen. Mit Atombomben und der Hilfe der CIA seid ihr nicht besonders niedlich klein. Aber schau her, wie ihr die Araber behandelt in eurem Land.

MOSHE: Wie heißt unser Land?

MOUSA: Palästina.

MOSHE: Israel. Es heißt Israel, bitte, sonst ist unser Gespräch zu Ende.

MOUSA: Jetzt wirst du formal. Mir ist egal, du sollst mich aber ausreden lassen.

MOSHE: So egal scheint es dir aber nicht zu sein. Nimm bitte zur Kenntnis, dass ein Staat namens Israel bereits seit über fünfzig Jahren existiert.

MOUSA: Wie sollte ich es übersehen. Ist das nicht das Land, das ein Teil meines Landes, die Golan-Höhen, trotz dreihundert UNO-Resolutionen nicht zurückgeben will und auf Kosten von mehreren Millionen Flüchtlingen existiert? Aber ich wollte dir sagen: schau dir doch Spanien an. Dort herrschten wir siebenhundert Jahre lang, und wie haben wir die Juden behandelt?

MOSHE: Nicht schlecht, weil die Araber sie gebraucht haben. Aber keiner dieser Juden wagte es damals laut zu sagen, dass der arabische Staat in Andalusien zerstört werden solle. Er wäre zerstückelt und den Hunden vor den Toren zum Fraß vorgeworfen worden. Das tun die Araber gegenüber Israel. ob offen oder heimlich, täglich. Die Juden in Spanien waren niemals eine Bedrohung für das arabische Reich. Hier ist jeder Palästinenser eine Bedrohung.

MOUSA: Und jeder Jude ist eine Bedrohung für Arabien. Du weißt genau, warum Israel als einziges Land der Welt seine Grenze in seiner Verfassung bis heute nicht nennt. Immer noch schielen die Israelis auf die Erweiterung bis zum Euphrat und Tigris. Aber lassen wir diese Träumereien von Kolonialisten und kehren zum Vergleich mit Spanien zurück. Israel braucht auch die Araber. Es benutzt ihre Arbeitskraft und entrechtet sie zugleich im eigenen Land. Heute sagen die Israelis immerhin, dass es so etwas wie Palästinenser gibt. Vor Jahren existierte das Wort nicht mal in ihren Köpfen.

MOSHE: Und für deinen Rundfunk und deine Politiker waren wir ein Haufen Banditen.

MOUSA: Aber immerhin: die Anerkennung eines Menschen als Bandit ist schon ein Schritt weiter als die Ignoranz seiner Existenz.

MOSHE: Leider bedeutet die Anerkennung eines Menschen als Bandit schon die Limitierung seines Lebens oder seiner Freiheit.

MOUSA: Du reitest zu viel auf Formulierungen herum und läßt dabei den Inhalt der Aussage daneben liegen.

MOSHE: Weil Mord immer erst in der Sprache stattfindet.

MOUSA: Du hast Recht. Die Nazis haben erst die Menschen in ihren Schriften umgebracht, bevor sie die Welt anzündeten. Übrigens müßt ihr es besser wissen, dass wir Araber im Grunde das auslöffeln, was man euch eingebrockt hat.

MOSHE: Das ist nicht ganz richtig und nicht ganz falsch. Wir Juden haben auch ohne die Naziverbrechen und den Völkermord, den sie beginnen, ein Recht auf Heimat, ein Recht auf sichere Bleibe. Ich kann Israel manchmal nicht ausstehen, aber der Staat Israel ist meine Zuflucht, der einzige Ort der Welt, wo ich nicht erklären muß, was und warum ein Jude so ist, wie er ist.

MOUSA: Aber mir kommt Israel wie ein Lokalpolizist für die Amerikaner vor. Sehr kostengünstig übrigens für den Gewinn, den die Amerikaner mit dem Erdöl und den arabischen Märkten absahnen ...

MOSHE: Stopp! Stopp! Das ist mir zu einfach. Klar, du bist ein unverbesserlicher Sozialist und du siehst überall Amerikaner am Werk. Es gab und gibt für den Staat Israel Notwendigkeiten für dessen Leben und Überleben. Heute brauchen uns die Amerikaner nicht. Sie können jeden ort zu jeder zeit besser überwachen und erreichen als die Israelis. Übrigens nicht selten sind die Araber Amerika näher als wir.

MOUSA: Und du wunderst dich auch noch, dass ich im Exil leben muß. Aber unser Streit erinnert mich an eine Geschichte, die mir meine Großmutter erzählt hat :



Der Wald und das Streichholz

Es war einmal ein großer Wald. Hunderte von Pinien lebten stolz und mit erhobenem Haupt neben drei Olivenbäumen, die klein und schmächtig, aber nicht weniger stolz waren.
"Was interessiert uns, dass die Pinien weit sehen, sie sind nur hochmütig, und vom schwächsten Wind werden sie hin und her geschaukelt. Wir sind tief verwurzelt, und auf dem Boden entgeht uns nichts", dachten die Olivenbäume.
Aber die Pinienbäume interessierten sich kaum für das, was auf dem Boden geschah. Sie waren stolz auf ihren weiten Blick. Ab und zu stritten die Nachbarn, was besser sei: Oliven oder die Pinienkerne.
"Wir geben den Armen Nahrung. Euch braucht der Mensch höchstens als Verzierung misslungener Gerichte", höhnten die Olivenbäume.
"Die wertvollsten Früchte tragen wir. Eure sind schmierig und ranzig", antworteten die Pinien.
Da sich die Nachbarn nicht aus dem Weg gehen konnten, waren sie sehr höflich zueinander, wenn sie sich grüßten. Eines Tages sahen die Olivenbäume ein Streichholz auf dem Boden liegen. Das Streichholz flüsterte den Olivenbäumen zu: "Habt keine Angst, ihr bescheidenen, gütigen Olivenbäume. Ich will nur die Pinien anzünden. Die Pinien haben die Pappel, meine Mutter, beschimpft; ich will sie rächen."
Zwei Olivenbäume sagten: "Was geht uns das an? Das Streichholz will ja nur die Pinien anzünden, und die sind wirklich hochnäsig."
Der älteste Olivenbaum mit dem knorrigen Gesicht sagte: "Das Streichholz ist gemein." Und er rief den Pinien zu: "Holt den Wind! Holt die Wolken! Lasst sie regnen und dieses gemeine Biest zerstören!"
Die Pinienbäume lachten höhnisch: "Was kann schon ein Streichholz anrichten, dieser erbärmliche Sohn einer dämlichen Pappel." Einige Pinien aber dachten: "Wenn es brennt, brennen die kleinen, hässlichen Olivenbäume ab. Dann holen wir die Wolken und löschen das Feuer. Dann verteilen wir unsere Kerne in der entstandenen Lichtung - und wir, die aufrechten Pappeln, sind unter uns!"
Der alte Olivenbaum reckte seine Zweige gen Himmel und versuchte, den Wind und die Wolken herbeizurufen, aber seine Arme waren zu kurz und starr. Er konnte weder den Wind noch die Wolken erreichen.
Als die Sonne schien, rollte sich das Streichholz unter eine Glasscherbe, die in der Nähe lag. Nach einer Weile loderte eine kleine Flamme auf. Das Feuer wurde größer, und es fraß die Oliven- und die Pinienbäume. Die Pinien schrien nach dem Wind und nach den Wolken, aber das knisternde Lachen des Feuers war lauter, und es regnete und stürmte nicht. Und so brannte der ganze Wald nieder.
Seither hören alle Pinien der Welt die Berichte der Olivenbäume über das, was auf dem Boden geschieht. Und die Olivenbäume lauschen aufmerksam dem, was die Pinien von der Ferne erzählen. Tag für Tag aber springen Streichhölzer aus ihren Schachteln und lauern auf eine Gelegenheit.

URI AVNERY:

Keine Sonderbehandlung!
(Uri Avnery zur Debatte über den Antisemitismus, Spiegel vom 03.06.02)

"Wer Jude ist, bestimme ich!", sagte der antisemitische Bürgermeister Wiens, Karl Lueger, vor 100 Jahren. Jetzt hat sich der Spieß umgedreht: "Wer Antisemit ist, bestimmen wir." Es ist für die Regierung Israels natürlich sehr bequem, jede Kritik an ihrer Politik im Ausland als antisemitisch zu stigmatisieren - auch wenn die Kritiker dasselbe sagen wie viele Israelis. Waren die 100.000 Israelis, die vor ein paar Wochen in Tel Aviv gegen Sharon protestierten und "Raus aus den besetzten Gebieten" forderten, alle Antisemiten?
Natürlich gibt es überall in Europa Antisemiten. Natürlich ist ihr Gedankengut ekelhaft. Natürlich versuchen sie, den jetzigen Sturm der Entrüstung gegen die Politik Scharons auszunützen. Ist das ein Grund, jegliche Kritik zu tabuisieren?
Ich möchte mich nicht in die Debatte von Deutschland einmischen. Ich weiß zu wenig über die Persönlichkeiten, die Hintergründe und die Aussagen. Ich möchte nur etwas Grundsätzliches dazu sagen.
Wir Israelis wollen ein Volk wie alle Völker sein, ein Staat wie alle Staaten. Wir haben unsere eigenen Probleme, die mit den Problemen der Juden in anderen Ländern wenig zu tun haben. Es gibt viele eingefleischte Antisemiten in der Welt und besonders in Amerika, die von Scharon begeistert sind. Es gibt viele ausgesprochene Philosemiten, die über seine Politik entsetzt sind.
Wir müssen klar zwischen den beiden unterscheiden: Israel und den Juden in der Welt. Israel ist ein Staat mit geopolitischen Interessen, die Juden und Bürger anderer Staaten haben Interessen wie jede andere Gemeinde.
Israel muß mit denselben moralischen Maßstäben wie jeder andere Staat gemessen werden. Jede "Sonderbehandlung" berührt mich unangenehm, auch wenn sie gut gemeint ist. Sonderbehandlung heißt ja, dass Juden anders behandelt werden müssen als andere Menschen und dass wir Israelis als Juden behandelt werden müssen. Beides stimmt nicht.
Dürfen deutsche Israel kritisieren? Um Himmels Willen, warum denn nicht? Das Schreckliche, das Deutsche den Juden vor 60 Jahren angetan haben, hat mit der heutigen Politik nichts zu tun. Daraus den Schluss zu ziehen, Deutsche müssten schweigen, wenn sie glauben, dass wir Unrecht begehen, ist unmoralisch. Das Vermächtnis des Holocaust sollte doch sein, dass gerade Deutsche mehr als andere gegen Unrecht auftreten, ganz egal, wo es passiert.
Man tut uns keinen Gefallen, wenn man uns nicht kritisiert. Wer einen Menschen liebt, darf und muss ihm die Wahrheit ins Gesicht sagen. Deutsche, die für die Existenz Israels sind, sollten die Ersten sein, diejenigen Israelis zu unterstützen, die in Israel für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen.
Auf keinen Fall darf der Holocaust für politische Zwecke missbraucht werden - weder von Israelis noch von denen, die Israel kritisieren. Dieser industrialisierte Völkermord eines modernen Staates ist einmalig, er ist mit nichts zu vergleichen. Wenn israelische rechtsradikale Demagogen behaupten, Arafat sei ein zweiter Hitler, so ist das genau so zu verdammen wie die Behauptung, Israel wende nazistische Methoden an. Es gibt kein Auschwitz im Nahen Osten, weder ein israelisches noch ein arabisches. Auch kein Dachau.
Kein Mensch in der Welt braucht zwischen Israel und Palästina zu wählen. An kann - und soll - für beide sein. Die wahren Interessen Israels und Palästinas stehen nicht im Widerspruch, denn beide Völker brauchen den Frieden. Die Eskalation der Gewalt und die gegenseitigen Gräueltaten, die jetzt täglich begangen werden, können uns alle ins Unglück stürzen. Um zu einer vernünftigen Politik zurückzukommen, brauchen wir, Israelis und Palästinenser, die Unterstützung Europas, auch Deutschlands, für eine Politik der Versöhnung und des Ausgleichs.
Wer eine der beiden Seiten, Israel oder Palästina, einseitig und bedingungslos unterstützt, hilft keinem.
Wer Israel in diesem Sinne , aus dieser Gesinnung heraus kritisiert, tut eine gute Tat. Ihn als Antisemiten zu beschimpfen, ist gemein und auch schädlich, denn damit bagatellisiert man den Antisemitismus.
Wirkliche Antisemiten sind leicht zu erkennen. Sie haben einen Stil, der unverkennbar ist. Es ist eine Art kollektiver Geisteskrankheit, die mit Logik nichts zu tun. Man kann ja Juden hassen, weil sie zu arm oder zu reich sind, weil die Bolschewiken oder Kapitalisten sind, weil sie auffallen oder sich verstecken, weil sie Jesus gekreuzigt haben oder den Ariern die christliche Mitleidsmoral aufgezwungen haben. Was hat das mit Israel zu tun?
Wenn ein Araber glaubt, die Antisemiten seien seine Freunde, dann irrt er sich gewaltig. Das Wort "Antisemitismus" ist nur wenige Jahre vor dem Wort "Zionismus" geprägt worden. Zionismus war eine klare Reaktion auf den modernen europäischen Antisemitismus.
Die russischen Pogrome haben die ersten Siedler nach Palästina getrieben; der Holocaust hat die Errichtung des Staates Israel beschleunigt und vielleicht erst möglich gemacht; in den letzten Jahren hat auch der russische Antisemitismus eine Million Einwanderer nach Israel gebracht, wo viele von ihnen in den besetzten gebieten auf enteignetem palästinensischem Boden angesiedelt worden sind. Jetzt wird der erneute Antisemitismus wieder Juden aus Frankreich, und vielleicht auch aus Deutschland, nach Israel bringen.
Der Antisemitismus ist der Feind der Juden. Er ist auch der Feind der Araber.