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S
a b i n e W a c k e r n a g e l & W o l f r a m M u c h a
Sonntag
/ 08. September 2002 / 19.00 Uhr, DGB-Haus, Spohrstr. 6-8, Nähe Königsplatz
Autorensammlung
- Kurzbiographien
URI
AVNERY:
79, Publizist und Friedensaktivist, wurde in Westfalen geboren und
emigrierte 1933 nach Palästina. Er wurde im Alter von noch nicht einmal 15
Jahren Mitglied der Untergrund- und Widerstandsorganisation "Irgun Zvai Leumi"
und kämpfte gegen die Briten in Palästina. Im Unabhängigkeitskrieg
von 1948 war er Mitglied der Hagana. An der ägyptischen Front schwer verwundet,
begann er, Kriegsreportagen zu schreiben. 1949 kaufte er die Zeitschrift "Ha`olam
Ha´zeh".
Als Herausgeber und Chefredaktuer polemisierte Avnery
gegen das israelische Establishment. Ben Gurion bezeichnete Avnery und seine Zeitung
als Israels Staatsfeind Nr.1. 1965 wurde ein neues pressegesetz verabschiedet,
das sich eindeutig gegen "Ha`olam Ha´zeh" richtete, waoraufhin
Avnery eine Partei gleichen Namens gründete und in die Knesset einzog. Für
sein Engagement im Friedensblock "Gush Shalom" wurde Avnery mit seiner
Frau Rachel im Oktober 2002 mit dem alternativen Friedensnobelpreis in Stockholm
ausgezeichnet. Er erhielt außerdem in diesem Jahr, 2002, den Carl-von-Ossietzky-Preis.
LUDWIG
WATZAL:
Der Autor ist Redakteur bei der deutschen Zeitschrift "Aus Politik
und Zeitgeschichte" und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn. Zuletzt
von ihm erschienen: Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel
und den Palästinensern.
BEATA
LIPMAN:
Überlebte als Kind deutscher Juden das faschistische Deutschland.
Sie veröffentlichte nach über dreißigjährigem Aufenthalt
in Südafrika das Buch "Wir schaffen uns ein freies Land.Frauen in Südafrika".
Die feministische Journalistin lebt heute als unabhängige Fernsehproduzentin
in Großbritannien.
SUMAYA
FARHAT-NASER:
Die palästinensische Friedensaktivistin lebt in Birzeit
bei Jerusalem und ist dort Professorin an der Universität. Von 1997 bis 2001
war sie Leiterin des palästinensischen "Jerusalem Center for Women"
in Ost-Jerusalem. Gemeinsam mit dem israelischen "Bat Schalom" (Tochter
des Friedens) in West-Jerusalem (diese beiden Frauenzentren wurden 1994 mit Unterstützung
der Europäischen Kommission gegründet) bilden sie das "Jerusalem
Link".
Sumaya Farhat-Naser war Rednerin auf dem Friedenspolitischen Ratschlag
in Kassel 2001.
SUBHI
ZOBAIDI:
Wurde in Jerusalem geboren. Er wuchs im Flüchtlingslager Jalazone
auf und verbrachte elf Jahre in New York City. Heute lebt er in Ramallah.
Subhi
Zobaidi wirkte bisher als Tänzer, Songwriter, Filmemacher und Multimediakünstler.
Er schrieb und schreibt über Kunst und Kultur und nebenbei unterrichtet er.
Zudem konzentriert er seine Arbeit auch immer mehr auf die Produktion und Regie
von Filmen. In seinem letzten Film, einem Dokumentarfilm über politische
Gefangene unter den Palästinensern, versuchte er, die Möglichkeit des
Friedens zu reflektieren und zu erkunden.
BATYA
GUR:
Wurde 1947 in Tel Aviv geboren und studierte Literatur an der hebräischen
Universität in Jerusalem, an der sie später selbst über 20 Jahre
lehrte.
Sie fing Ende der 80er Jahre an, Romane zu schreiben, die mit ihren
detaillierten Milieubeschreibungen vor nationalen Tabus keinen Halt machen.
FEDWA
TAWQAN:
wurde 1917 in Nablus geboren. Ihre ersten erfolgreichen Gedichte, die
zur romantischen Strömung zählen, schrieb sie in der traditionellen
klassischen Form. Aber schon als die arabische Dichtung begann, sich von den seit
der vorislamischen Zeit überlieferten Zwängen zu befreien, wandte sich
die Dichterin der noch in den Anfängen steckenden modernen freien Dichtung
zu, um in dieser zeitnaheren Ausrucksform persönliche und gesellschaftliche
Themen zu behandeln.
Sie gehört zu den ersten arabischen Lyrikern, die
in ihrer Dichtung versuchten, aufrichtige Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
Seit der Staatsgründung Israels schrieb sie vor allem Gedichte für den
Widerstand. Seit 1952 hat sie zahlreiche Gedichtsammlungen herausgegeben, für
die ihr mehrere arabische und internationale Preise verliehen wurden.
KHALIL
GIBRAN
wurde 1883 im Nordlibanon geboren. 1905 emigrierte er mit seiner Mutter
und seinen Geschwistern nach Boston, wo er Englisch lernte. Nach dreijährigem
Aufenthalt kehrte er in den Libanon zurück, um seine arabischen Sprachkenntnisse
am College de la Sagesse zu vervollkommnen. Vier Jahre später brach er wieder
nach Boston auf, wo er sich ganz dem Schreiben widmete. Er bereiste England, Österreich,
Italien , Holland und Frankreich. In Paris studierte er Malerei und Kunst u.a.
bei Rodin. Wieder in Boston gründete er die Schriftstellervereinigung emigrierter
libanesischer und syrischer Dichter, deren Präsident er war.
Khalil Gibran
gilt als der "Goethe" des Libanon.
MAHMOUD
DARWISH
Wurde 1942 in dem Dorf Al-Barwa nahe von Akka geboren. Es gehörte
zu den Dörfern, die nach dem Krieg 1948 von den Israelis dem Erdboden gleichgemacht
wurden. Im noch jugendlichen Alter nahm er am politischen Kampf teil und trat
in die israelische kommunistische Partei ein. Wegen seiner politischen Anschauungen
wurde er zu Hausarrest verurteilt.
In den Jahren 1961, 1965 und 1967 war er
im Gefängnis. Er arbeitete einige Zeit als Journalist. 1971 verließ
er Palästina, um in Beirut zu leben. Vom Libanon aus wurde er bekannt als
der erste Dichter des Widerstandes. In seinen Werken machte er das palästinensische
Problem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Problem des
gequälten und verfolgten Menschen, der es ablehnt, sich seinem Schicksal
zu beugen, sondern sich mutig dem Kampf stellt.
RAFIK
SCHAMI
wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in der Bundesrepublik.
Er arbeitete auf Baustellen und in Fabriken, studierte Chemie und Pharmakologie
mit Promotionsabschluß. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller, für
seine zahlreichen Veröffentlichungen wurde er mit mehreren Literaturpreisen
ausgezeichnet, u.a. 1993 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und 1994 mit dem
Hermann-Hesse-Preis. Rafik Schamis Werk wurde in über 15 Sprachen übersetzt.
Er zählt in Deutschland zu den bedeutendsten ausländischen Schriftsteller,
die in deutscher Sprache schreiben.
In seinen Büchern schildert Rafik
Schami wie wenig ein Heimat-, oder Zugehörigkeitsgefühl mit nationalen
Grenzen und religiösen Konzepten zu tun hat. Vielmehr manifestiert es sich
durch zwischenmenschliche Beziehungen, Verständnis und Menschlichkeit in
unseren Herzen.
ERICH
FRIED
wurde am 6. Mai 1921 in Wien geboren. Früh begann er zu schreiben,
bis der deutsche Einmarsch 1938 ihn "aus einem österreichischen Oberschüler
in einen verfolgten Juden verwandelte." Der Vater wurde von der Gestapo ermordet,
daraufhin floh Fried nach London, von wo aus er seiner Mutter und 70 anderen Personen
zur Flucht verhalf.
Nach dem Krieg wurde Fried Mitarbeiter an zahlreichen
neugegründeten Zeitschriften, später Kommentator deutschsprachiger Sendungen
beim BBC. Diese Position gab er 1968 wegen der unveränderten Kalten-Kriegs-Position
der BBC auf.
Er machte sich mit verschiedenen Gedichtbänden, seinem einzigen
Roman ("Ein Soldat und ein Mädchen" 1960) und Übersetzungen
(u.a. übersetzte er fast die kompletten Werke Shakespeares) einen Namen -
geriet aber auch oft in Konflikt mit der öffentlichen Meinung, wenn er offen
und kritisch Stellung zu politischen Themen nahm, was sich auch in vielen seiner
Gedichte wiederspiegelt. Erst gegen Ende seines Lebens wurde ihm die verdiente
Anerkennung in Form von Auszeichnungen wie dem Bremer Literaturpreis, dem Österreichischen
Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis zuteil.
Erich Fried starb nach
langer und schwerer Krankheit am 22. November 1988 und wurde auf dem Kensal Green
in London beerdigt.
MAHMOUD
DARWISH:
Auch
wir lieben das Leben
Auch
wir lieben das Leben, wann immer wir zu ihm finden
Wir tanzen zwischen zwei
Märtyrern,
zwischen ihnen errichten wir für die Veilchen Palmen
oder ein Minarett
Wir
lieben das Leben, wann immer wir zu ihm finden
Der
Seidenraupe stehlen wir einen Faden, um einen Himmel für uns zu bauen
und
das Gewebe der Reise
Wir öffnen das Gartentor, damit der Jasmin auf den
Straßen flaniert
Wie ein schöner Tag
Wir
lieben das leben, wann immer wir zu ihm finden
Wo
immer wir uns niederlassen, säen wir wuchernde Pflanzen,
Wo wir uns niederlassen
ernten wir einen Toten
Wir blasen auf der Flöte die Farbe der weiten Ferne,
Wir
zeichnen auf dem Staub des Weges ein Wiehern
Und schreiben unseren Namen Stein
für Stein -
O Blitz, lass die Nacht klar sein, kläre sie uns ein
wenig
Wir lieben
das Leben, wann immer wir zu ihm finden ...
RAFIK SHAMI:
Feinde
In
einem Frankfurter Cafe sitzt ein Israeli, ein dunkelhaariger Mann Mitte vierzig.
Er bestellt einen Kaffee und schaut nervös auf seine Armbanduhr. Als die
Uhr der nahen Kirche viermal schlägt, betritt ein älterer Araber mit
Glatze und grauen Schläfen das Lokal. Er sucht nicht lange, sondern geht
direkt auf den wartenden Mann zu. Dieser erblickt ihn und lächelt vielsagend.
MOSHE:
Und ich dachte, du wirst wie die Araber in der Regel deinen Termin vergessen.
MOUSA:
Warum sollte ich den Termin vergessen? Ich wollte aber auch nicht unbedingt überangepasst
sein und auch noch früher kommen. Als ich hereinkam, musste ich lachen. Du
bist Jude und ich bin Muslim und wir folgen der christlichen Zeit. Ist dir das
nicht aufgefallen?, oder fühlst du dich schon als Deutscher hier?
MOSHE:
Nein, das nicht, aber du hast ja dein Land, Syrien, seit einer Ewigkeit nicht
betreten. Ich habe als Dozent an der Universität oft mit arabischen Studenten
zu tun. Sie sind intelligent, aber, was die Zeit betrifft, unbelehrbare Chaoten.
Und auch etwas fanatisch, ansonsten sehr nette Kerle, sehr hilfsbereit und gastfreundlich.
MOUSA:
Da spricht nun nicht der Wissenschaftler, sondern der Kolonialherr über seine
Negerle. Du musst aufpassen, denn das grenzt an Rassismus, was du da aus deinem
Innern abzapfst, eine ziemlich trübe Brühe, mein Lieber ....
MOSHE:
Und emotional auch noch, ja, die Araber sind sehr emotional.
MOUSA:
Grüß Gott, Herr Preuße. Seit wann nehmen es Juden Arabern übel,
dass sie Gefühle zeigen? Aber wahrscheinlich bist du deutscher als die Deutschen
geworden, seitdem du den Spagat als Lehrer zwischen Frankfurt und Tel Aviv führst.
MOSHE:
Nein, das nicht, aber du kannst keinen Witz zu Ende erzählen, ohne dass der
Araber aufbraust. Ein wenig jüdischer Humor würde den Arabern gut stehen.
MOUSA:
Und ein wenig Identität mit dem Mittelmeer würde den Israelis gut stehen,
statt opportunistisch deutscher als die Deutschen zu erscheinen, wohlgemerkt nur
in Deutschland. In Frankreich sind sie Franzosen und in Amerika fanatische Amis.
Wer seid ihr überhaupt?
MOSHE:
Tja, mein lieber Feind. Das ist eine sehr komplexe Frage. Da muß man die
dreihundert Bände der Geschichte von Adam und Eva über die Vertreibung,
Pogrome und Holocaust bis heute vorlegen, dann wirst du vielleicht eine Antwort
finden, bevor du antisemitisch wirst.
MOUSA:
Wie könnte ein Araber antisemitisch sein? Wir sind doch Cousins, und wer
euch beschimpft, beschimpft auch uns.
MOSHE:
Ersteres ist dummes Zeug, Letzteres großartig. Dummes Zeug, weil Antisemitismus
eine Verbrecherideologie ist und die Türen jedem offen hält. Und Letzteres
kann eine gemeinsame Antwort unserer Völker sein, wenn die Araber begreifen,
dass sie die Israelis nicht besiegen können. Masada sollte euch ein Beispiel
sein, zu was die Juden fähig sind, wenn sie in die Ecke getrieben werden.
MOUSA:
Und Saladin sollte euch zeigen, dass, auch wenn die Kreuzzügler in siebter
Generation bereits im Heiligen Land waren, einer noch kommen und die Eroberer
vertreiben wird. Nicht diese Trottel und Mörder vom Schlage Khadafis oder
Saddam Husseins. Nein, es wird einer kommen, mit dem keiner gerechnet hat. Es
kann auch ein Kind mit einer Schleuder sein.
MOSHE:
Aber sieh dich vor, mein sympathischer Feind, David, der Kleine, hat seit Urzeiten
und bis zum heutigen Tag Goliath gezeigt, dass er standhaft ist.
MOUSA:
Von wegen David, der kleine. Das kann euer debiler Kishon alten deutschen Omas
zum Lachen verkaufen. Mit Atombomben und der Hilfe der CIA seid ihr nicht besonders
niedlich klein. Aber schau her, wie ihr die Araber behandelt in eurem Land.
MOSHE:
Wie heißt unser Land?
MOUSA:
Palästina.
MOSHE:
Israel. Es heißt Israel, bitte, sonst ist unser Gespräch zu Ende.
MOUSA:
Jetzt wirst du formal. Mir ist egal, du sollst mich aber ausreden lassen.
MOSHE:
So egal scheint es dir aber nicht zu sein. Nimm bitte zur Kenntnis, dass ein Staat
namens Israel bereits seit über fünfzig Jahren existiert.
MOUSA:
Wie sollte ich es übersehen. Ist das nicht das Land, das ein Teil meines
Landes, die Golan-Höhen, trotz dreihundert UNO-Resolutionen nicht zurückgeben
will und auf Kosten von mehreren Millionen Flüchtlingen existiert? Aber ich
wollte dir sagen: schau dir doch Spanien an. Dort herrschten wir siebenhundert
Jahre lang, und wie haben wir die Juden behandelt?
MOSHE:
Nicht schlecht, weil die Araber sie gebraucht haben. Aber keiner dieser Juden
wagte es damals laut zu sagen, dass der arabische Staat in Andalusien zerstört
werden solle. Er wäre zerstückelt und den Hunden vor den Toren zum Fraß
vorgeworfen worden. Das tun die Araber gegenüber Israel. ob offen oder heimlich,
täglich. Die Juden in Spanien waren niemals eine Bedrohung für das arabische
Reich. Hier ist jeder Palästinenser eine Bedrohung.
MOUSA:
Und jeder Jude ist eine Bedrohung für Arabien. Du weißt genau, warum
Israel als einziges Land der Welt seine Grenze in seiner Verfassung bis heute
nicht nennt. Immer noch schielen die Israelis auf die Erweiterung bis zum Euphrat
und Tigris. Aber lassen wir diese Träumereien von Kolonialisten und kehren
zum Vergleich mit Spanien zurück. Israel braucht auch die Araber. Es benutzt
ihre Arbeitskraft und entrechtet sie zugleich im eigenen Land. Heute sagen die
Israelis immerhin, dass es so etwas wie Palästinenser gibt. Vor Jahren existierte
das Wort nicht mal in ihren Köpfen.
MOSHE:
Und für deinen Rundfunk und deine Politiker waren wir ein Haufen Banditen.
MOUSA:
Aber immerhin: die Anerkennung eines Menschen als Bandit ist schon ein Schritt
weiter als die Ignoranz seiner Existenz.
MOSHE:
Leider bedeutet die Anerkennung eines Menschen als Bandit schon die Limitierung
seines Lebens oder seiner Freiheit.
MOUSA:
Du reitest zu viel auf Formulierungen herum und läßt dabei den Inhalt
der Aussage daneben liegen.
MOSHE:
Weil Mord immer erst in der Sprache stattfindet.
MOUSA:
Du hast Recht. Die Nazis haben erst die Menschen in ihren Schriften umgebracht,
bevor sie die Welt anzündeten. Übrigens müßt ihr es besser
wissen, dass wir Araber im Grunde das auslöffeln, was man euch eingebrockt
hat.
MOSHE: Das
ist nicht ganz richtig und nicht ganz falsch. Wir Juden haben auch ohne die Naziverbrechen
und den Völkermord, den sie beginnen, ein Recht auf Heimat, ein Recht auf
sichere Bleibe. Ich kann Israel manchmal nicht ausstehen, aber der Staat Israel
ist meine Zuflucht, der einzige Ort der Welt, wo ich nicht erklären muß,
was und warum ein Jude so ist, wie er ist.
MOUSA:
Aber mir kommt Israel wie ein Lokalpolizist für die Amerikaner vor. Sehr
kostengünstig übrigens für den Gewinn, den die Amerikaner mit dem
Erdöl und den arabischen Märkten absahnen ...
MOSHE:
Stopp! Stopp! Das ist mir zu einfach. Klar, du bist ein unverbesserlicher Sozialist
und du siehst überall Amerikaner am Werk. Es gab und gibt für den Staat
Israel Notwendigkeiten für dessen Leben und Überleben. Heute brauchen
uns die Amerikaner nicht. Sie können jeden ort zu jeder zeit besser überwachen
und erreichen als die Israelis. Übrigens nicht selten sind die Araber Amerika
näher als wir.
MOUSA:
Und du wunderst dich auch noch, dass ich im Exil leben muß. Aber unser Streit
erinnert mich an eine Geschichte, die mir meine Großmutter erzählt
hat :
Der
Wald und das Streichholz
Es
war einmal ein großer Wald. Hunderte von Pinien lebten stolz und mit erhobenem
Haupt neben drei Olivenbäumen, die klein und schmächtig, aber nicht
weniger stolz waren.
"Was interessiert uns, dass die Pinien weit sehen,
sie sind nur hochmütig, und vom schwächsten Wind werden sie hin und
her geschaukelt. Wir sind tief verwurzelt, und auf dem Boden entgeht uns nichts",
dachten die Olivenbäume.
Aber die Pinienbäume interessierten sich
kaum für das, was auf dem Boden geschah. Sie waren stolz auf ihren weiten
Blick. Ab und zu stritten die Nachbarn, was besser sei: Oliven oder die Pinienkerne.
"Wir
geben den Armen Nahrung. Euch braucht der Mensch höchstens als Verzierung
misslungener Gerichte", höhnten die Olivenbäume.
"Die wertvollsten
Früchte tragen wir. Eure sind schmierig und ranzig", antworteten die
Pinien.
Da sich die Nachbarn nicht aus dem Weg gehen konnten, waren sie sehr
höflich zueinander, wenn sie sich grüßten. Eines Tages sahen die
Olivenbäume ein Streichholz auf dem Boden liegen. Das Streichholz flüsterte
den Olivenbäumen zu: "Habt keine Angst, ihr bescheidenen, gütigen
Olivenbäume. Ich will nur die Pinien anzünden. Die Pinien haben die
Pappel, meine Mutter, beschimpft; ich will sie rächen."
Zwei Olivenbäume
sagten: "Was geht uns das an? Das Streichholz will ja nur die Pinien anzünden,
und die sind wirklich hochnäsig."
Der älteste Olivenbaum mit
dem knorrigen Gesicht sagte: "Das Streichholz ist gemein." Und er rief
den Pinien zu: "Holt den Wind! Holt die Wolken! Lasst sie regnen und dieses
gemeine Biest zerstören!"
Die Pinienbäume lachten höhnisch:
"Was kann schon ein Streichholz anrichten, dieser erbärmliche Sohn einer
dämlichen Pappel." Einige Pinien aber dachten: "Wenn es brennt,
brennen die kleinen, hässlichen Olivenbäume ab. Dann holen wir die Wolken
und löschen das Feuer. Dann verteilen wir unsere Kerne in der entstandenen
Lichtung - und wir, die aufrechten Pappeln, sind unter uns!"
Der alte
Olivenbaum reckte seine Zweige gen Himmel und versuchte, den Wind und die Wolken
herbeizurufen, aber seine Arme waren zu kurz und starr. Er konnte weder den Wind
noch die Wolken erreichen.
Als die Sonne schien, rollte sich das Streichholz
unter eine Glasscherbe, die in der Nähe lag. Nach einer Weile loderte eine
kleine Flamme auf. Das Feuer wurde größer, und es fraß die Oliven-
und die Pinienbäume. Die Pinien schrien nach dem Wind und nach den Wolken,
aber das knisternde Lachen des Feuers war lauter, und es regnete und stürmte
nicht. Und so brannte der ganze Wald nieder.
Seither hören alle Pinien
der Welt die Berichte der Olivenbäume über das, was auf dem Boden geschieht.
Und die Olivenbäume lauschen aufmerksam dem, was die Pinien von der Ferne
erzählen. Tag für Tag aber springen Streichhölzer aus ihren Schachteln
und lauern auf eine Gelegenheit.
URI AVNERY:
Keine
Sonderbehandlung!
(Uri Avnery zur Debatte über den Antisemitismus, Spiegel
vom 03.06.02)
"Wer
Jude ist, bestimme ich!", sagte der antisemitische Bürgermeister Wiens,
Karl Lueger, vor 100 Jahren. Jetzt hat sich der Spieß umgedreht: "Wer
Antisemit ist, bestimmen wir." Es ist für die Regierung Israels natürlich
sehr bequem, jede Kritik an ihrer Politik im Ausland als antisemitisch zu stigmatisieren
- auch wenn die Kritiker dasselbe sagen wie viele Israelis. Waren die 100.000
Israelis, die vor ein paar Wochen in Tel Aviv gegen Sharon protestierten und "Raus
aus den besetzten Gebieten" forderten, alle Antisemiten?
Natürlich
gibt es überall in Europa Antisemiten. Natürlich ist ihr Gedankengut
ekelhaft. Natürlich versuchen sie, den jetzigen Sturm der Entrüstung
gegen die Politik Scharons auszunützen. Ist das ein Grund, jegliche Kritik
zu tabuisieren?
Ich möchte mich nicht in die Debatte von Deutschland einmischen.
Ich weiß zu wenig über die Persönlichkeiten, die Hintergründe
und die Aussagen. Ich möchte nur etwas Grundsätzliches dazu sagen.
Wir
Israelis wollen ein Volk wie alle Völker sein, ein Staat wie alle Staaten.
Wir haben unsere eigenen Probleme, die mit den Problemen der Juden in anderen
Ländern wenig zu tun haben. Es gibt viele eingefleischte Antisemiten in der
Welt und besonders in Amerika, die von Scharon begeistert sind. Es gibt viele
ausgesprochene Philosemiten, die über seine Politik entsetzt sind.
Wir
müssen klar zwischen den beiden unterscheiden: Israel und den Juden in der
Welt. Israel ist ein Staat mit geopolitischen Interessen, die Juden und Bürger
anderer Staaten haben Interessen wie jede andere Gemeinde.
Israel muß
mit denselben moralischen Maßstäben wie jeder andere Staat gemessen
werden. Jede "Sonderbehandlung" berührt mich unangenehm, auch wenn
sie gut gemeint ist. Sonderbehandlung heißt ja, dass Juden anders behandelt
werden müssen als andere Menschen und dass wir Israelis als Juden behandelt
werden müssen. Beides stimmt nicht.
Dürfen deutsche Israel kritisieren?
Um Himmels Willen, warum denn nicht? Das Schreckliche, das Deutsche den Juden
vor 60 Jahren angetan haben, hat mit der heutigen Politik nichts zu tun. Daraus
den Schluss zu ziehen, Deutsche müssten schweigen, wenn sie glauben, dass
wir Unrecht begehen, ist unmoralisch. Das Vermächtnis des Holocaust sollte
doch sein, dass gerade Deutsche mehr als andere gegen Unrecht auftreten, ganz
egal, wo es passiert.
Man tut uns keinen Gefallen, wenn man uns nicht kritisiert.
Wer einen Menschen liebt, darf und muss ihm die Wahrheit ins Gesicht sagen. Deutsche,
die für die Existenz Israels sind, sollten die Ersten sein, diejenigen Israelis
zu unterstützen, die in Israel für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen.
Auf
keinen Fall darf der Holocaust für politische Zwecke missbraucht werden -
weder von Israelis noch von denen, die Israel kritisieren. Dieser industrialisierte
Völkermord eines modernen Staates ist einmalig, er ist mit nichts zu vergleichen.
Wenn israelische rechtsradikale Demagogen behaupten, Arafat sei ein zweiter Hitler,
so ist das genau so zu verdammen wie die Behauptung, Israel wende nazistische
Methoden an. Es gibt kein Auschwitz im Nahen Osten, weder ein israelisches noch
ein arabisches. Auch kein Dachau.
Kein Mensch in der Welt braucht zwischen
Israel und Palästina zu wählen. An kann - und soll - für beide
sein. Die wahren Interessen Israels und Palästinas stehen nicht im Widerspruch,
denn beide Völker brauchen den Frieden. Die Eskalation der Gewalt und die
gegenseitigen Gräueltaten, die jetzt täglich begangen werden, können
uns alle ins Unglück stürzen. Um zu einer vernünftigen Politik
zurückzukommen, brauchen wir, Israelis und Palästinenser, die Unterstützung
Europas, auch Deutschlands, für eine Politik der Versöhnung und des
Ausgleichs.
Wer eine der beiden Seiten, Israel oder Palästina, einseitig
und bedingungslos unterstützt, hilft keinem.
Wer Israel in diesem Sinne
, aus dieser Gesinnung heraus kritisiert, tut eine gute Tat. Ihn als Antisemiten
zu beschimpfen, ist gemein und auch schädlich, denn damit bagatellisiert
man den Antisemitismus.
Wirkliche Antisemiten sind leicht zu erkennen. Sie
haben einen Stil, der unverkennbar ist. Es ist eine Art kollektiver Geisteskrankheit,
die mit Logik nichts zu tun. Man kann ja Juden hassen, weil sie zu arm oder zu
reich sind, weil die Bolschewiken oder Kapitalisten sind, weil sie auffallen oder
sich verstecken, weil sie Jesus gekreuzigt haben oder den Ariern die christliche
Mitleidsmoral aufgezwungen haben. Was hat das mit Israel zu tun?
Wenn ein Araber
glaubt, die Antisemiten seien seine Freunde, dann irrt er sich gewaltig. Das Wort
"Antisemitismus" ist nur wenige Jahre vor dem Wort "Zionismus"
geprägt worden. Zionismus war eine klare Reaktion auf den modernen europäischen
Antisemitismus.
Die russischen Pogrome haben die ersten Siedler nach Palästina
getrieben; der Holocaust hat die Errichtung des Staates Israel beschleunigt und
vielleicht erst möglich gemacht; in den letzten Jahren hat auch der russische
Antisemitismus eine Million Einwanderer nach Israel gebracht, wo viele von ihnen
in den besetzten gebieten auf enteignetem palästinensischem Boden angesiedelt
worden sind. Jetzt wird der erneute Antisemitismus wieder Juden aus Frankreich,
und vielleicht auch aus Deutschland, nach Israel bringen.
Der Antisemitismus
ist der Feind der Juden. Er ist auch der Feind der Araber.