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S
a b i n e W a c k e r n a g e l & W o l f r a m M u c h a
Sonntag
/ 08. September 2002 / 19.00 Uhr, DGB-Haus, Spohrstr. 6-8, Nähe Königsplatz
BATYA
GUR:
Die Angst
des Eroberers
Von
mir als Vertreterin der Erobererseite - persönlich empfinde ich mich natürlich
nicht als Eroberer, aber ich übernehme die kollektive Verantwortung, ich
möchte sagen: mit Freuden -, von mir erwartet man, dass ich über die
Angst um unsere Sicherheit spreche. Dies ist natürlich die aller erste Angst,
eine existenzielle, reale Angst davor, erneut bombardiert, beschossen, verwundet,
eingenommen, besiegt, besetzt, rausgeschmissen zu werden und so weiter. Aber das
ist selbstverständlich eine elementare Angst, und darüber braucht man,
glaube ich, bei einem solchen Thema nicht zu reden. Das ist normal und nach einer
Besetzung zu erwarten. Wenn man ein Land besetzt, muss man um seine eigene Existenz
fürchten.
Ich will von der Angst sprechen, die in mir geweckt wurde durch
das, was Jeschajahu Leibovitch, unser dahingegangener Philosoph, erstmals in mir
evozierte. Es war ziemlich früh, vielleicht schon 1968, denn Sie müssen
wissen, dass ich ein Metonym, eine Metapher für mein Land sein könnte,
da ich zusammen mit dem Land geboren wurde und alles miterlebt habe, was andere,
was das Land durchlebt hat. Das bedeutet, dass ich 1967 bei der Besetzung euphorisch
war, wie die meisten Israelis, und keinen Gedanken an unsere palästinensischen,
ja, unsere palästinensischen Brüder verschwendet habe. Ich habe einfach
nicht an sie gedacht. Ich glaube, irgendwie dachte ich, dass sie genau so glücklich
darüber sein müssten, dass wir Jerusalem vereinigt hatten - das ist
ja etwas Schönes.
Ich war damals sehr jung, und das sage ich nicht zu
meiner Entschuldigung, ich beschreibe nur. Das hat damit zu tun, wie ich erzogen
wurde, und ich wurde so erzogen, weil meine Eltern gleichfalls Flüchtlinge
waren, und sie wollten in einem sicheren Land leben und haben mir eingeprägt,
dass dies das Land der Juden sei und die Juden endlich in Sicherheit seien. Darum
kamen mir erst Zweifel, als ich Jeschajahu Leibovitch sagen hörte, dass wir
alle Gebiete zurückgeben sollten, weil ein Volk nicht über ein anderes
Volk herrschen kann, ohne korrumpiert zu werden. Diese Zweifel behielt ich aber
für mich, ich legte sie noch nicht offen. Damals war ich noch nicht Schriftstellerin,
und so brauchte ich mich nicht zu äußern.
Mit der Zeit kamen meine
Ängste aber immer mehr zum Vorschein. Es gibt die Angst des Eroberers, der
"ein Mensch" sein möchte, nur ein anständiger Mensch. Zur
Philosophie kam ich über Avishai Margalit, über sein Buch The Decent
Society (deutsch: Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung, Berlin
1997). Wenn man ein anständiger Mensch sein möchte - und das ist eines
unserer Ziele im Leben -, kann man kein Eroberer sein, und man kann auch kein
Eroberer sein, ohne korrumpiert zu werden. Und das ist meine Angst.
Und weil
ich ein Mensch ohne Phantasie bin - das meine ich ernst, auch wenn ich nicht erwarte,
dass Sie mich verstehen - ich will sagen, weil ich keine Phantasie habe, wie sie
Anton Shammas besitzt, fehlen mir die Worte und die Fähigkeit, die Dinge
so beeindruckend, so poetisch zu beschreiben. Ich gehe von Metonymenn aus. Ich
bin sehr von der Macht der Metonyme überzeugt. Ein Metonym ist eine Metapher
im kleinen, ein detail, das für eine ganze Welt von Bedeutungen steht.
Vor
einigen Monaten ging ich zur chemischen Reinigung, und die Frau, die mich dort
bediente, eine ganz einfache Frau aus Jerusalem, wandte sich, während sie
nach einem Mantel suchte, zu mir um und sagte: "Wissen Sie, wir sind ein
hässliches Volk geworden." Genau das empfinde ich auch, körperlich,
geistig und in jeder Weise. Wir sind durch die Besetzung, die anhaltende Besetzung
hässlich geworden, und das ist meine größte Angst: dass wir hässlich
geworden sind. Ich will es ein Beispiel nennen und eine Überlegung, warum
wir so daran festhalten - wir als Volk. Ich kann, wie schon gesagt, nicht die
Verantwortung abschütteln und sagen: ich bin anders. Ich lebe nun einmal
in Israel. Und ich bin nicht antizionistisch. Selbst wenn ich es wäre, würde
ich es nicht aussprechen, denn es wäre ein Verrat. Nun also das Beispiel.
Vor
einigen Jahren fing ich an, mit einem unserer großen Regisseure an einem
Drehbuch zu arbeiten, einem Drehbuch für einen Krimi über das Fernsehen.
Um das fernsehen von innen kennen zu lernen, heftete ich mich an einen Fernsehreporter,
einen Nachrichtenreporter, und folgte ihm einige Tage lang auf Schritt und Tritt.
Diese Recherche machte mir großen Spaß, und ich fuhr mit ihm überall
hin. Eine seiner Aufgaben war ein Projekt für die Nachrichten am Freitagabend,
eine Sendung, die gern gesehen wird, mit einer hohen Einschaltquote, wie sie sagen;
es ging um den Gazastreifen, den Erez-Kontrollpunkt in Gaza. Ich war noch nie
in Gaza gewesen, ich wollte nicht diese unterschiedliche Behandlung erleben.
Ich
war also noch nie in Gaza gewesen, aber nun musste ich hin, um vier Uhr morgens,
wie ein braver Soldat, irgendein Soldat, nicht speziell ein israelischer. Ich
fuhr mit diesem Nachrichtenreporter zu dem Kontrollpunkt in Gaza, um ihn bei der
Arbeit zu beobachten. Er untersuchte ein sehr interessantes Phänomen. D gibt
es Leute, die den Palästinensern Genehmigungen verkaufen, mit denen sie ausreisen
und in Israel arbeiten können. Man bekommt sie nur, wenn man älter als
24 ist, und man muss verheiratet sein, vermutlich, weil Verheiratete nicht leichtfertig
mit ihrem Leben spielen. Diese Genehmigungen waren für Geld zu haben, das
mindestens einem Monatslohn entsprach. In dieser Sache arbeiten Palästinenser
und Israelis zusammen. Ein Vermittler fädelt die Sache ein, eine Partnerschaft
zwischen Palästinensern und israelischen Geschäftsleuten, und auf Kosten
dieser Arbeiter verdient er - ich glaube, sie haben diese Genehmigungen für
1500 Schekel verkauft. Aber anschließend sind diese Genehmigungen nur etwas
wert, wenn man eine Arbeit findet, eine sehr komplizierte Gelegenheit.
Ich
stand um vier Uhr morgens im Winter bei dem Posten am Gaza-Kontrollpunkt in Erez
und sah zum ersten Mal die Arbeiter herauskommen. Ich kann nicht mit Worten beschreiben,
welchen Eindruck der Anblick von Hunderten, Tausenden von Männern auf machte.
Sie kamen heraus und hatten einen kleinen Beutel mit einem Butterbrot und Obst
für den ganzen Tag bei sich, aber sie wussten nicht, ob sie, nachdem sie
die Genehmigung gekauft hatten, eine Arbeit finden würden oder nicht. Dabei
hatten sie so viel Geld für die Genehmigung bezahlt. Sie wurden angehalten
von Kindern - für mich sind es Kinder, im Alter meiner eigenen Kinder -,
die als Soldaten in Gaza Dienst taten und um vier Uhr morgens erschöpft waren.
Sie wollten nur nach Hause. Und entgegen dem Mythos hatten sie kein Interesse
daran, die Arbeiter zu demütigen. Jeder dachte nur an das Nächstliegende:
ob sie eine Tasse Kaffee bekommen würden, ob sie eine Arbeit bekommen würden,
ob sie warm genug angezogen waren, ob es regnen würde oder nicht.
Ich
schaute unseren Soldaten zu, wie sie vollkommen wahllos die einen durchließen
und die anderen nicht, wie sie die Papiere prüften. Es ist nichts Dramatisches,
von Treten, Spucken oder Demütigen keine Rede, und doch dachte ich: Wir sind
verloren. Wenn wir uns so verhalten, sind wir verloren. Weil wir schon unsere
Kinder korrumpieren. Die Vermittler leben auf Kosten unserer palästinensischen
Arbeiter. Das war die Geschichte mit dem Fernsehen. (...)
MAHMOUD DARWISH:
Kennkarte
Registriert
mich
Ich bin ein Araber
Ausweisnummer (50 000)
Kinder: acht
das neunte
wird im Sommer geboren
Sind Sie bestürzt?
Registriert
mich
Ich bin ein Araber
Beschäftigung: Steineschneiden mit den Kameraden
ich
habe acht Kinder,
Wissen Sie, ich muß Brot, Kleider und Bücher
Für
die Kinder beschaffen
Den vor Euren Türen werde ich niemals als Bettler
stehen
Ich bin ein Araber
Sind Sie verstimmt?
Ich
bin namenlos
Meine Wurzeln habe ich
Vor den Olivenbäumen und den Pappeln
geschlagen
In aller Ruhe
Hier, wo alles vor Zorn kocht
Ein Abkömmling
derer, die den Pflug zogen
Mein Ahne: bloß ein Bauer
Stammbaum: keiner
Meine
Wohnung: ein Haus aus Schilf
Reicht das für einen Menschen?
Registriert
mich
Ich bin ein Araber
Haarfarbe: tiefschwarz
Augen: braun
Besondere
Kennzeichen
Kuffia und Iqual auf dem Kopfe
Die Hände schrundig und
steinhart
Lieblingsspeise: Olivenöl und Thymian
Adresse: ein harmloses
vergessenes Dorf
Wo die Straßen keine Namen haben
Und die Männer
auf den Feldern und in den
Steinbrüchen sind
Reichen die Angaben?
Ihr
habt mir meine Weingärten gestohlen
Und das Land, das ich bebaute
Ihr
habt für meine Kinder nichts
übriggelassen
Außer den Steinen
Und
ich habe gehört
Dass Eure Regierung
Selbst die Steine wegnehmen will.
Schon
gut
Registriert als erstes:
Ich hasse niemanden
Stehlen tu ich auch nicht
Aber
wenn man mich zum Verhungern treibt
Dann werde ich das Fleisch meines
Unterdrückers
essen
Hütet
Euch vor meinem Hunger und meinem Zorn!
ERICH FRIED:
Fragen
in Israel
In einer
ungerechten Welt
gerecht sein
ist schwer
wenn man sein will.
Rabbi
Hillel hat
schon gefragt
vor 2000 Jahren:
"Wenn nicht ich für
mich bin
wer denn ist für mich?"
Aber
nur noch selbstgerecht sein
weil andere ungerecht waren
(und das waren nicht
die
gegen die man jetzt selbstsüchtig ist)?
Rabbi Hillel hat
schon
gefragt
vor 2000 Jahren:
"Doch wenn ich nur für mich bin
was
bin ich?"
Heute
fragen das viele in Israel:
Wenn wir nicht auch für die Palästinenser
sind
was sind wir?
Welcher Feinde
verspätetes Spiegelbild
sind
wir dann?"
Aber andere sagen:
"Das ist Zukunftsmusik
Nichts
für heute"
Rabbi Hillel hat
schon gefragt
vor 2000 Jahren:
"Und
wenn nicht
jetzt
Wann?"
BEATA LIPMAN:
Alltag
im Unfrieden - Frauen in Israel, Frauen in Palästina
(Auszug zur Wehrpflicht)
(...)
auch Frauen, die ihren Wehrdienst ableisten, finden die Aufgaben, die sie zu erfüllen
haben, unmenschlich und entwürdigend. Dalia Elkana zum Beispiel - sie hat
in "Hotam", der Wochenendbeilage von "Al Hamishmar" berichtet,
wie ihre Arbeit an der Allenbybrücke über den Jordan aussah:
Ich
will sie Fatmah nennen, die Frau, die mir in dem kleinen Raum gegenübersteht.
Bevor ich sie auffordere, sich auszuziehen, frage ich nach ihrem Namen und überprüfe
die Identitätspapiere, die sie vorweist; sie ist verlegen oder auch wütend
oder ängstlich ... das ist der Alltag an den Jordanbrücken.
Der Egged-Bus
(Name des staatlichen Busunternehmens in Israel) hat uns hergebracht - am Steuer
saß eine dicke Frau mit grellblond gefärbten Haaren. Wir sind alle
um die 22, junge Frauen von der Universität, die Geisteswissenschaften studiert
haben, Kunstgeschichte, Literatur oder Philosophie, andere kommen von der Schwesternschule.
Noch falten wir untätig die Hände oder stecken eine Zigarette nach der
anderen - ab morgen sollen diese Hände die Kleider arabischer Frauen abtasten,
sollen alles finden, was über die Grenze Groß-Israels geschmuggelt
werden könnte, Bauteile für eine Bombe zum Beispiel ...
Der Weg zum
Armeestützpunkt führt an den elenden, verfallenden Hütten des Flüchtlingslagers
von Jericho vorbei; im Camp bekommen wir dann Uniformen und Instruktionen: Unser
Auftrag ist, die Sicherheitsinteressen des Staates zu vertreten. Vor allem müssen
wir verhindern, dass Sprengstoffe eingeschleust wird - und bei alledem sollen
wir uns menschlich verhalten. Auch die Araber, die von Amman nach Israel einreisen,
sind schließlich Menschen. Unser Einsatzort ist die Allenbybrücke,
und dort gibt es zwei Grenzstationen: eine für Touristen und eine für
die Araber.
Ich führe also jetzt Leibesvisitationen durch. Fatmah ist
mit dem Bus aus Amman gekommen und gerade ausgestiegen. Vielleicht hat sie Verwandte
besucht oder ihren Mann, vielleicht war sie auf der Beerdigung ihres Onkels, einer
Tante. Sie mag allein unterwegs sein oder mit vier, fünf Kindern; sie ist
vielleicht Studentin an der Bir-Zeit-Universität (arabische Universität
bei Ramallah, West Bank) oder hat in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien
studiert. Spricht sie englisch, ist sie reich oder arm, krank, blind oder kerngesund?
Manchmal riecht sie nach Landleben und hat kräftige, schwielige Hände,
manchmal duftet sie nach teurem Parfüm. Unter anderen Verhältnissen
würden wir vielleicht nebeneinander im Hörsaal sitzen.
Kaum aus dem
Bus, sieht sich Fatmah einer Frau gegenüber, die gestern noch studierte,
aber nun beim Militär ist und die Leibesvisitationen durchzuführen hat.
Diese Frau sucht nach gefährlichen Gegenständen, nach allem, was uns
plötzlich treffen könnte: Bomben, Sprengstoffe, Messer, Scheren. Sie
befühlt das Kopftuch, vielleicht ist dort etwas verborgen, dann die Brust
- Fatmah hebt die Arme - und dann weiter am Körper nach unten ... nichts
zu finden, Fatmah wird in den Warteraum geschickt. Dort sitzt sie unter dem rostigen
Wellblechdach, zusammen mit den anderen, Männern, Frauen und Kindern. Videokameras
registrieren jede Bewegung.
Araber aus Jericho kümmern sich um das Gepäck
- sie sind zuvor natürlich ebenfalls durchsucht worden. In ihren blauen Arbeitskitteln
sehen sie aus wie Kibbuzniks. Das ganze Gepäck wird ausgeladen - Päckchen,
Kisten, Teppiche, Decken. Für jedes Stück gibt es einen Gepäckschein.
Fatmah muß mit ihrem Handgepäck in den nächsten Warteraum, wo
sie mit 20 oder 30 anderen Frauen vor einer blauen Tür sitzt und wartet,
bis sie in die Kabine gerufen wird. Eine Frau in Uniform untersucht sie mit einem
Detektor erneut auf scharfe Gegenstände aus Metall.
Fatmah hat vielleicht
Hunger, aber alle Nahrungsmittel werden sofort weggeworfen, und alles, was verdächtig
scheint, wird beschlagnahmt. Monatsbinden und Windeln sind auch verboten. Raus
aus der Kabine - jetzt ist Fatmah im land Israel. Es riecht nach Desinfektionsmitteln,
und sie sitzt schon wieder in einem Warteraum.
Irgendwann wird sie über
Lautsprecher aufgerufen. Eine Frau gibt ihr den Paß zurück - nachdem
alle Daten überprüft und registriert worden sind. Wir wissen ganz genau,
wer ausreist und wer einreist und woher die Leute kommen. Alle werden identifiziert.
Fatmah muß in der Schlange stehen, bis sie aufgerufen wird. Dann betritt
sie einen weiteren Warteraum, in dem das Schild hängt: "Aus Sicherheitsgründen
müssen wir Leibesvisitationen durchführen". Bis zu 100 Frauen sitzen
manchmal in diesem Raum und warten, Stunde um Stunde.
An einem langen Tresen
müssen alle ihr Geld abliefern. Es wird gezählt und kommt in einem Plastikbeutel.
Der Betrag steht auf dem Einreiseformular - niemand soll behaupten können,
er's ei bestohlen worden. Und dann müssen alle ihre Schuhe ausziehen und
in einen großen Container werfen ...
Fatmah wird sich fragen, wie sie
ihre Schuhe jemals wiederfinden soll. Die Schuhe, die Päckchen, die Decken
- alles wird von den arabischen Hilfskräften zum Durchleuchten gebracht.
Nun
ist Fatmah endlich dran - ich sage ihr auf arabisch, dass sie in den Untersuchungsraum
kommen soll. Sie steht auf, unsere Blicke treffen sich, und ich weiß genau,
was jetzt kommt. Sie wird verlegen, wütend oder Hasserfüllt reagieren.
Ich dagegen muß mich beherrschen, ich darf keine Gefühle zeigen. Genau
wie die anderen Frauen, die hier ihren Dienst leisten, spreche ich nicht Arabisch
- man hat uns bloß ein paar Worte beigebracht und ein Buch mit Redewendungen
gegeben.
Ich kann Fatmah also nach ihrem Namen und ihren papieren fragen. Kann
sie Englisch? Oder Hebräisch? Nein - Pech gehabt. "Ziehen Sie sich jetzt
aus, ziehen sie alle Kleider aus", sage ich, während ich die Kennnummer
feststelle. Dann durchsuche ich das Handgepäck, beschlagnahme Lippenstift
und Deodorant, auch das Parfum, weil die Flasche nicht durchsichtig ist, ferner
alle Schreibgeräte und die Schminksachen. Verboten sind auch Tampons und
Windeln, gesichtscreme, Taschentücher und Schlüsseletuis aus undurchsichtigem
Material. In meinem holprigen Arabisch sage ich: "Das ist nicht erlaubt,
dies hier wird beschlagnahmt" - sie lässt es sich diesmal alles gefallen:
"Nehmen Sie nur alles mit." Aus den anderen Kabinen dringt Jammern und
Schreien. Beide möchten wir die Sache rasch hinter uns bringen. Während
Fatmah sich weiter auszieht, bin ich als Zensor tätig: Jeder Brief, jeder
Zettel, auf dem nur ein Wort steht, alles wird beschlagnahmt und in einem Plastikbeutel
zur Überprüfung geschickt. Hoffentlich ist keine Adresse aus Terroristenkreisen
dabei ... auch die Familienfotos müssen zur Zensurstelle.
Nun ist Fatmah
nackt bis auf die Unterhose. Ich führe den Metalldetektor über ihren
Körper, sein gleichmäßiges Summen zeigt, dass sie offenbar nichtsversteckt
hat, kein Geld, keine Drogen ... Noch ein Blick in die Unterhose, zwischen die
Zehen - da ist nichts. Dann werden die Kleider mit dem Detektor überprüft,
ich schaue in jede Tasche, trenne jede Naht auf, die verdächtig aussieht.
Während
ich die Formulare ausfülle, alle konfiszierten Gegenstände angebe, darf
Fatmah sich wieder anziehen... jetzt noch hier unterschreiben - ob sie schreiben
kann?
Im nächsten Warteraum hat der Träger den Schuhcontainer auf
einem hohen und breiten Tisch entleert. Alle wühlen in den Schuhen, versuchen
ihr Paar zu finden. Mit Schuhen und Kennnummer verlässt Fatmah dieses Gebäude,
aber noch immer ist ihr Weg ins Land Israel nicht zu Ende - jetzt werden die Koffer
durchsucht, alle verdächtigen Elektrogeräte beschlagnahmt.
Manchmal
frage ich Fatmah, ob sie das alles nicht erniedrigend findet. Wenn sie nicht schweigt,
weil sie denkt, es sei ein verhör, wird sie vielleicht mit Ja antworten.
In dieser gespannten Situation gelingt es mir nicht recht, ihr zu erklären,
dass es mir leid tut, solche Dinge tun zu müssen. Halb ironisch gibt sie
zur Antwort, es sei eben meine Pflicht, und ich schäme mich und weiß
nicht, was ich sagen soll. Manchmal haben wir Soldatinnen in solchen Situationen
Angst, oder wir sind wütend, manchmal wollen wir uns entschuldigen und versuchen
es mit einem Lächeln. Soll ich Fatmah wirklich alle Kosmetikartikel wegnehmen
- nein, ich bringe es nicht über mich, lasse ihr die Sachen. Sie lächelt,
wir haben uns verstanden. Aber das kann auch Ärger geben - man entdeckt doch
noch einen Brief und eine Goldkette bei ihr, sie wird zurückgeschickt und
von einer anderen Frau noch mal durchsucht, und ich habe mir einen Verweis eingehandelt.
Fatmah hat mich betrogen - ich kann es verstehen, aber ich bin trotzdem wütend.
Die
Frauen, die nach ihr dran sind, werden dann natürlich um so gründlicher
durchsucht, jetzt lasse ich mich nicht mehr erweichen. Mütter mit schreienden
Kindern kommen herein, sie müssen die Kleinen in der Kabine ausziehen, wechseln
ihnen dort auch die Windeln, was eigentlich nicht erlaubt ist. Ich muß die
Babys und die Windeln untersuchen, selbst die schmutzigen Windeln, ebenso benutzte
Tampons - auch Frauen, die ihre Periode haben, werden durchsucht.
Manchmal
bittet mich eine Frau, ihr beim Ausziehen zu helfen, weil sie krank sei. Vielleicht
tut sie auch nur so, aber wenn ich sehe, dass es ihr wirklich schlecht geht, helfe
ich auch beim Anziehen, und ich hole ihr etwas Wasser ... es kann geschehen, dass
sie mir dann die Hände küsst, sogar die Füße, bis ich es
ihr verbiete. Heute kam eine Frau, die einen schwarzen Lappen in ihrem Büstenhalter
hatte. "Nehmen sie das heraus!" befahl ich. Sie tat es, und statt einer
Brust sah ich ein Loch. Wir schauten uns an, sie lächelte, ich war entsetzt.
"Ziehen Sie sich an", sagte ich und half ihr. Die Operationsnarbe wieder
zu verbinden.
In der ersten Woche war ich verwirrt und empört, und ich
schämte mich. Ich versuchte, freundlich zu sein, in ruhigem Ton zu sprechen,
aber diese Menschlichkeit hielt ich nicht lange durch. Mit der Zeit wurde ich
unduldsam, hatte das Gefühl, dass sie alle versuchten, mich zu überlisten
- wenn mit Brief und Goldkette, warum nicht auch mit Sprengstoff ... ich glaube,
es gab schon Anzeichen von Paranoia bei mir. Keine Woche länger hätte
ich diese Anspannung ertragen, irgend etwas wäre passiert ...
Dieser Job
frisst einen langsam auf. Sie sind Frauen wie ich selbst, aber es ist schwer,
das nicht zu vergessen. Einige von denen, die die Männer durchsuchen, finden
sogar Spaß daran. Wir Mädchen haben versucht, klaren Kopf zu behalten,
nicht zu weit zu gehen - ich glaube nicht, dass es uns gelungen ist.
SUMAYA FARHAT-NASER:
Eine
Palästinenserin kämpft für den Frieden
(Veranstaltung von Courage
Wuppertal mit Frau Sumaya Farhat-Naser am 17.04.02 in der Friederich-Ebert-Stiftung
in Bonn)
(...)
in der anschließenden kontroversen Diskussion berichtet Frau Farhat-Naser
über die aktuelle Situation:
"Wir haben Tausende von Verletzten,
die keine medizinische Versorgung haben dürfen. Wir haben über 800 tote
Menschen und Kinder im Flüchtlingslager in Dschenin ... Aller 300 Meter ist
in Ramallah ein tiefer Graben in der Straße. Die Gebäude sind zerstört
... Wenn man sieht, was man in Nablus gemacht hat, die gute alte Stadt, die Mauern,
die Türme; die Olivenölindustrie
, Seidenindustrie, über 1200
Jahre ist die Stadt, ich bin oft hingegangen, um Tee zu trinken, alles ist zerstört.
Es ist Zerstörung unserer Kultur, das ist beabsichtigt. Da müssen Sie
protestieren und sagen, das hat nichts mit Bekämpfung von Terror zu tun,
unsere Kultur wird zerstört. Die Zerstörungen sollen uns das Leben so
schwer wie möglich machen, dass die Menschen von alleine das Land verlassen
sollen, es ist eine Vertreibung.
Es gibt viele Dörfer und Orte, wo die
Menschen beginnen zu hungern. Unser Nachbardorf hatte Ausgangssperre - niemand
kommt dorthin. Wir haben versucht, durch die Täler Brote zu schmuggeln ....
Aber wir haben nicht das erste Mal solch eine Situation .... ich bin Bäuerin
und habe jetzt 4000 Liter Olivenöl im Haus. Die dürfen wir nicht exportieren
und verkaufen und dann machen wir Seife daraus. Aber dennoch, die anderen haben
nichts und wir können nicht nach Bethlehem Öl transportieren und die
haben kaum Öl dort. Man darf nicht vom Dorf zur Stadt, die Ernte oder Produkte
verteilen. Das ist nicht neu, sondern seit vier Jahren so."
Klar
Stellung bezog Frau Farhat-Naser zur Frage nach dem Unterschied zwischen Befreiungskampf
und Terrorismus:
"Die Mehrheit der Menschen in Palästina glaubt,
dass wir uns gegen Angriffe seitens des israelischen Militärs und der israelischen
Siedler in den besetzten Gebieten wehren müssen, das ist legitim. Wir sind
Freiheitskämpfer. Es gibt eine kleine Minderheit, die Attentate überall
in Israel und auf zivile Personen für gut heißen ... Und kommen wir
jetzt zu den Selbstmordattentaten. Ist das ein Mittel zum Kampf? Das ist ein Verbrechen
gegen sich selbst und gegen die anderen, aber auch gegen die eigene Gesellschaft.
Die Leute, die das tun, sind zu einem tiefen Punkt der Verzweiflung gelangt..."
Auf
die Feststellung, dass laut Statistik 42% der Israelis die Militäraktion
unterstützen, antwortet Frau Farhat-Naser:
"Die Zahlen sind zum Glück
für eine bestimmte Phase. Sie gehen hoch aus Perspektivlosigkeit und vor
allem aus Angst. Natürlich werden Attentate gemacht, aber die Angst wird
bewusst gepflegt und noch mehr Angst geschürt... Deshalb ist diese Zahl spontan
so hoch, aber eigentlich erkennen die israelischen Menschen zunehmend, dass diese
Politik eine fatale Politik auch für sie ist. Deshalb beginnt ein schleichender
Widerstand ... Die Besatzungspolitik arbeitet darauf hin, dass die Menschen nicht
zueinander finden und keine Begegnungsmöglichkeiten existieren ... ich kann
nur per Internet Kontakt mit meinen israelischen Friedenspartnern halten..."
(...)
Klar bezog sie Stellung, dass Israel sich aus den 1967 besetzten gebieten zurückziehen
muß und Palästinenser und Israelis zwei Völker sind mit denselben
Rechten und demselben Recht auf das Land Palästina / Israel.
ERICH
FRIED:
Zum Sechstagekrieg
1967
Höre, Israel
1
Nicht
als Fremder und nicht als Feind
Von Haß gegen euch entzündet
Ich
spreche als einer von euch
Der auch Irrwege kennt
In
den Gaskammern und in den Öfen
Wo eure Familien vergingen
Wurden auch
meine Verwandten vergast und verbrannt
Seither
kämpfe ich gegen das
Was dahin geführt hat
Gegen die Mächte
Die
Hitler zur Macht verhalfen
Sie
sind noch nicht verschwunden
Von dieser Erde
Und was tut ihr?
Ihr lasst
euch von ihnen fördern
2
Sie
wollen das gleiche von euch
Was sie von Hitler wollten:
Ihr sollte Vorposten
sein
Für ihre Ordnung in der Welt
Darum
muß ich das Bittere sagen
In eure Ohren
Die ihr im Unrecht verstopft
Wie
zur Zeit der Propheten
Auch
wenn es bitter schwer ist
Auch wenn ihr es mit Bitterkeit heimzahlt
Aber
ihr sollt nicht sagen können
Das sagten euch nur eure Feinde
Und
später soll es nicht heißen:
Zur Zeit als die Juden noch siegten
Sprach
keiner von ihnen
Gegen ihr eigenes Unrecht
3
Ihr
habt in Europa
Die Höllen der Höllen erlitten
Verfolgung, Vertreibung
Langsamer
Hungertod
Die
Gewalt der Mörder
Die Hilflosigkeit eurer Schwäche
Die Urform
des Unrechts
Das nichts als die eigene macht kennt
Ihr
habt eure Henker
Beobachtet und von ihnen
Den Blitzkrieg gelernt
Und
die wirksamen Grausamkeiten
Was
ihr gelernt habt
Das wollt ihr jetzt weitergeben
Kinder der Zeit des Unrechts
Erzogen
in seinem Bild
4
Ihr
seid tüchtige Pflanzer geworden
Ihr habt die Wüste bewässert
Doch
die Armen die vor euch dort wohnten
Die habt ihr weggedrängt
Eure
Gönner die Saatgut schickten
Und Geld für euere macht
Sehen: die
Saat geht jetzt auf
Nicht
nur Pflanzen:
An Stelle des ungerechten
Hasses der euch verfolgt hat
Sät
ihr heute gerechteren Haß
Ich
wollte nicht
Dass ihr im Meer ertrinkt
Aber auch nicht dass andere durch
euch
In der Wüste verdursten
Als
ihr verfolgt wurdet
War ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
Wenn
ihr Verfolger seid?
5
Ihr
habt nicht von den Völkern gelernt
Sondern von ihren Herren
Ihr seid
nicht mehr Opfer der anderen:
Ihr selbst wollt andere opfern
Eurer
vergänglichen Macht
Von der ihr glaubt sie genügt
Um den Armen
ihr Land zu nehmen
Auf dem sie saßen
6
Ihre
Gesichter
Sind euern Gesichtern ähnlich
Ihre Sprache
Ist eurer Sprache
verwandt
Auch
sie taten manchmal Unrecht
Nicht alles ist schwarz oder weiß
Ihr beide
seid gebrannt
Von der selben Sonne
Aber
euer Unrecht war größer
Denn ihr habt euch Land geben lassen
Von
denen die kein Recht hatten
Es euch zu geben
Zwar
ihr selbst wart bedrückt wo ihr herkamt
Mehr als andere Kolonisten
Doch
die Armen im land das ihr nahmt
Waren nicht schuld daran
Zwar
ihr selbst wart arm
Aber immer noch reich gegen die
Deren Boden ihr kauftet
Fast
wie Yankees einst den Indianern
7
Kehrt
um! Kehrt um!
Die euch Geld oder Waffen gaben
Werden nicht immer da sein
Um
euch zu schützen
Umkehren
wird nicht leicht sein:
Der Haß der Armen lebt lange
Und viele wünschen
euch das
Was einst ihr euren Peinigern wünschtet
Doch
euch bleibt kein anderer weg
Euch die Zukunft zu öffnen
Wenn es nicht
eine Zukunft
Der ewig Verhassten sein soll
Kehrt
um! Kehrt um!
Die euch Geld oder Waffen geben
Brauchen euch nur als Söldner
Gegen
die Zukunft
Gegen
das Ende der Ausbeutung
Gegen die Hoffnung der Armen
Gegen die Völker
Die
eure Brüder sein sollten
8
Zwar
unter denen sind solche
Die haben gerufen:
"Alle Juden ins Meer!"
Das
sind keine Stimmen der Zukunft
Aber
vergesst nicht
Es sind nicht alle dasselbe
So wie auch bei euch nicht alle
Dasselbe denken
In
Ägypten und Syrien
Waren andere Kräfte am Werk
Als in den Palästen
Arabiens
oder Jordaniens
9
Die
Könige riefen zum Haß auf
Sie kennen kein anderes Mittel
Ihre
Untertanen
Anzustacheln im Kampf
Doch
auch die Feindschaft der anderen
habt ihr erworben
Ihr seid nicht schuldlos
daran
Dass sie gegen euch sind
Und
vergesst auch nicht:
In New York in Hamburg und London
Schreiben die Zeitungen
Freundlicher
über die
Aus
deren Ländern die Rufe
Zum Völkermord kamen
Über Feisal und
Hussein
Als über Ägypten und Syrien
Denn
die Könige wollen sie stützen
Aber die Länder die sich mühsam
Hintasten
zum Sozialismus
Zu Falle bringen
Und
dazu sollt ihr ihnen dienen
Mit Haut und Haaren
Mit eurem ganzen Vermögen
Von
dem sie euch etwas ersetzen
10
Wenn
ihr euch nicht zu gut seid
Für diese Rolle
Nicht zu tüchtig und
nicht zu klug
Nicht zu menschlich und unabhängig
Dann
werdet ihr abhängen
Von den dürren Trägern des Unrechts
Wie
ein gehenkter abhängt
Von seinem Galgen
Als
warnendes Beispiel
Wohin die Tapferkeit führt
Und die Tüchtigkeit
wenn sie verführt ist
Dem Unrecht zu dienen
11
ich
sage das nicht für die
die euch immer schon Feinde waren
und nur neue
Vorwände suchen
für ihren alten Haß
auch
nicht für die unter euch
die lernten von ihren Hassern
sich selbst
zu hassen
oder sich hässlich zu finden
Doch
ich sage das gegen die
Die sich heute erschaffen wollen
Nach dem Ebenbild
ihrer Vernichter
Um selbst Vernichter zu werden
Denn
wenn die euch beherrschen
Vernichten sie trotz ihrer Siege
Zuletzt sich
selbst
Wie das eure Vernichter taten
Und
ich sage das auch
Gegen die falschen Freunde
Die eure Not beschützen
Um
euch tiefer in Schuld zu treiben
Gegen
die die euch vertreiben wollen
Bis es zur Umkehr zu spät ist
Um ihre
Zwecke zu fördern
Mit eurem Blut
12
Ihr
habt die überlebt
Die zu euch grausam waren
Lebt ihre Grausamkeit
In
euch jetzt weiter?
Eure
Sehnsucht war so zu werden
Wie die Völker Europas
Die euch mordeten
Nun
seid ihr geworden wie sie
Den
Geschlagenen habt ihr befohlen:
"Zieht eure Schuhe aus!"
Wie den
Sündenbock habt ihr sie
In die Wüste getrieben
In
die große Moschee des Todes
Deren Sandalen Sand sind
Doch sie nahmen
die Sünde nicht an
Die ihr ihnen auflegen wolltet
Der
Eindruck der nackten Füße
Im Wüstensand
Überdauert
die Spur
Eurer Bomben und Panzer
*
Zahllose kriegsgefangene Ägypter mussten im Sechstagekrieg, Juni 1967, ihre
Schuhe ausziehen und wurden dann von den Israelis in die Wüste geschickt,
sie mögen heimgehen, woher sie gekommen seien. Ohne Schuhe im brennenden
Sand gingen die meisten elend zugrunde. Zionistische Sprecher leugneten später
diesen "Zwischenfalls", der aber während des Sechstagekrieges in
englischen und bundesdeutschen Fernsehtagesschauen zu sehen war.