AMNESTIE
IM IRAK
Der
Hölle entkommen
Von
Bernhard Zand, Bagdad
Saddam
Hussein öffnet seine Gefängnisse. Die Männer, die sie nach der
Generalamnestie verlassen, sollen seinen Ruhm mehren, womöglich für
ihn gegen die Amerikaner kämpfen. Tatsächlich erinnern sie an die Gestalten
aus Dantes Inferno.
Es
gibt viele trostlose Nester im Irak des Saddam Hussein, verwahrloste Dörfer
und heruntergekommene Betonsiedlungen, die unter der gnadenlosen Sonne des Zweistromlandes
vor sich hinbrüten. Der Flecken Abu Gharib, eine Autostunde westlich von
Bagdad, ist noch mehr als trostlos, dreckig und verwahrlost - Abu Gharib ist auch
noch berühmt: Hier liegt, am Rande einer staubigen Asphaltpiste, das größte
Zuchthaus des Irak.
Zwei obligatorische Präsidentenstandbilder flankieren
den Eingang des Gefängnisses. Doch selbst der große Führer, sonst
immer gnädig lächelnd oder tapfer in die Weite blickend, schaut am Tor
von Abu Gharib nur düster auf die verlorenen Söhne seines glorreichen
Irak herunter. Die Botschaft ist eigentlich nicht nötig: Wer hier je hineinmuss,
als Häftling oder als Besucher, dem war das Lachen vermutlich schon viel
früher vergangen.
Am
Sonntagmorgen ging ein Gerücht um hinter den Mauern. Der Präsident habe
eine gute Nachricht für sein Volk, hatte Radio Bagdad gemeldet und patriotische
Lieder gesendet. Ein paar Leute, die schon länger sitzen, streifte gleich
die Ahnung: Saddam, gerührt über sein Volk, das ihn vergangene Woche
angeblich mit 100 Prozent Ja-Stimmen wieder gewählt hatte, würde eine
Amnestie verkünden.
Genauso
kam es, doch das Ausmaß der Gnade, das der Führer seinen irregegangenen
Landeskindern zuteil werden ließ, überraschte dann doch. Saddam kündigte
an, sämtliche Häftlinge des Irak zu entlassen, alle Diebe, Räuber,
Mörder und Vergewaltiger - "ausnahmslos alle", bestätigte
auf der Treppe zur Gefängnisverwaltung der zuständige Amnestie-Richter
Abdulhussein Schandan Issa, und hatte in der Eile gar keine Zahlen zur Hand. "Ja,
auch die politischen Gefangenen", hob er auf Nachfrage hervor, "alle,
auch unsere arabischen Brüder, die hier eingesessen haben."
Amnestien,
zumeist allerdings auf geringfügige Straftaten beschränkt, sind nicht
ungewöhnlich nach inszenierten Wahlen in Nahen Osten. Dass Saddam alle Gefängnisse
restlos zu räumen verspricht, macht jedoch manchen Beobachter stutzig: In
welche Höhen will er seine vermeintliche Popularität noch treiben? Oder
braucht er Soldaten?
Fast
alle der Tausenden von Häftlingen, die am Sonntag unter dem Jubel ihrer Väter,
dem Gekreische ihrer Frauen, Schwestern und Mütter, dem Geknatter von Maschinenpistolen
und einem Chor von "Saddam, Saddam"-Rufen vor das Tor von Abu Gharib
traten, waren arme Leute. Kleine Gangster, die meisten, verurteilt für Waffendiebstahl
oder Disziplinarvergehen bei der Armee, aber auch Kapitalverbrecher.
Dreißig Jahre soll Abdulkarim
Hussein, 28, büßen, verurteilt für Raubmord. Drei Jahre hat er
tatsächlich gesessen. Das unverhoffte Glück - noch um neun Uhr am Morgen,
sagt er, habe er von nichts gewusst! - steht ihm in das unrasierte Gesicht geschrieben.
Er umarmt und küsst wahllos junge Männer, die ihm entgegenkommen. Mörder,
so hat der Präsident verkündet, sollen nur einen Monat Freigang kriegen.
Nur wenn die Familien ihrer Opfer einverstanden sind, dürfen sie endgültig
in die Freiheit zurückkehren.
Manche
sehen aus, als sei für sie auch diese Freiheit nichts mehr wert. Kassim Ali
Ibrahim, 24, ein zusammengesunkenes, anämisches Bündel von Mann mit
durchsichtiger Haut, grauen Ringen unter den Augen und starrem Blick, sagt nur
tonlos "Spionage, Spionage" vor sich hin, als ihn ein irakischer Journalist
nach dem Grund seiner Verurteilung fragt. 15 Jahre hatte er bekommen, sechs hat
er abgesessen.
Ibrahim
ist Schiite aus dem Südirak, wie fast alle Häftlinge von Abu Gharib.
Zu Dutzenden strömen sie, an ihren weißen Umhängen und Turbanen
leicht zu erkennen, ihren Scheichs und Familien zu, hastig zusammengebundene Tüten
mit ihren Habseligkeiten unterm Arm. Verächtlich schauen ihnen die Gefängniswärter
nach, Sunniten aus dem Norden des Irak, in frisch gebügelten Uniformen, rasiert,
den Saddam-Bart sauber zurechtgestutzt. Es müssen Hunderte jener barfüßigen
Elendsgestalten gewesen sein, die Saddams Geheimdienste in den vergangenen Jahren
verhaften und verurteilen ließen.
"Spionage"
heißt das Codewort für ihr Vergehen, gemeint sind Straftaten wie Mitgliedschaft
in einer vom schiitischen Iran unterstützten Partei oder Kontakte hinüber
zum einstigen Erzfeind. Najaf und Kerbela, die beiden berühmten irakischen
Pilgerstädte des schiitischen Islam, werden mit Abstand am häufigsten
ausgerufen von den Sammeltaxifahrern vor dem Knast-Tor. "Der Präsident
will Teheran ein Zeichen geben", wagt der Mann in Uniform sich auf politisches
Terrain. "In diesen Zeiten brauchen wir jeden Freund, den wir haben auf der
Welt."
Ein
Lichtblick geradezu im Gefangenenchor auf der Asphaltpiste von Abu Gharib ist
Habib Mamduh, 32. Der Glatzkopf, dessen Arm lässig aus dem Autofenster hängt,
ist bekennender Pass- und Dokumentenfälscher. Sein Traum, sagt er, sei es
immer gewesen, als Bodybuilder nach Beirut zu gehen - dem Eldorado aller arabischen
Männer, wo angeblich die hübschesten Mädchen des Nahen Ostens auf
sie warten, jeden Abend die Musik spielt und das Leben rundweg Spaß macht.
"Das Geld
hat nicht gereicht", grinst Habib, "da habe ich halt angefangen, Pässe
zu fälschen. 15 Jahre haben sie mir aufgedrückt, jetzt bin ich schon
nach vier Jahren draußen. Libanon, ich komme! Mein Held ist Saddam! Mein
Held ist Saddam!"