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Heydrich - Die Macht des Bösen

Der kühle Manager des Massenmords

Von Mario R. Dederichs

Viertel nach zehn! Nervös blickt Josef Gabcik auf seine Armbanduhr. Seit neun Uhr steht er nun an der Straßenbahnhaltestelle Klein-Holleschowitzer Straße im Prager Vorort Lieben, und immer noch kein Zeichen von Josef Valcik. Der hält weiter oben an der Kirchmayerstraße Ausschau nach dem »Objekt«. Wieder wischt sich Gabcik den Schweiß von der Stirn. Seine Aufregung und die Maisonne heizen ihm ein. Trotz des warmen Frühlingswetters trägt er über dem Arm einen Regenmantel. Darunter verbirgt der in England ausgebildete Fallschirmjäger eine Maschinenpistole vom Typ Sten Gun Mk II FF 209. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lehnt Jan Kubis an einer Laterne, der dritte Mann, zwei hochempfindliche Bomben in der Aktentasche. Er wirft Gabcik einen fragenden Blick zu. Mit gereizter Geste bedeutet der ihm: Warte!

Mercedes »SS-3«
Dann geht plötzlich alles ganz schnell - und ziemlich schief. Eben rattert die Straßenbahn der Linie 3 heran, da blitzt an der Kirchmayerstraße Valciks Rasierspiegel in der Sonne: das Zeichen! 10.29 Uhr. Gabcik hastet zu Kubis an die Innenseite der Haarnadelkurve, wo die Straße scharf zum Moldau-Ufer hin abbiegt. Ein dunkelgrüner Mercedes 320 mit dem Kennzeichen »SS-3« nähert sich, ein offenes Kabriolett, in dessen Fond ein hochgewachsener Mann in der Uniform eines Obergruppenführers der Schutzstaffel sitzt. Sein Fahrer, ein SS-Oberscharführer, bremst vor der Kurve ab, zumal die Straßenbahn jetzt gegenüber zum Stehen gekommen ist. Leute steigen ein und aus. Gabcik hat den Mercedes nur drei Meter vor sich. Da lässt er seinen Mantel fallen, reißt die Maschinenpistole hoch und drückt den Abzug. Es geschieht - nichts.

Attentat beinahe gescheitert
»Anhalten!«, schreit der Obergruppenführer und erhebt sich vom Sitz. Chauffeur Johannes Klein, statt seinen Chef durch Gasgeben in Sicherheit zu bringen, gehorcht. Während Gabcik total entgeistert an seiner Sten Gun fummelt, haben die beiden SS-Leute schon ihre Pistolen gezogen. Da tritt Kubis hervor und schleudert eine Bombe. Sie explodiert um 10.31 Uhr neben dem rechten Hinterrad und hätte um ein Haar ihr Ziel verfehlt. Heydrich wird nicht durch den Sprengsatz zerfetzt, sondern stirbt an einem Rosshaar. Es dringt aus der Sitzpolsterung mit Splittern in die Milz des SS-Führers ein. »Schussverletzung/Mordanschlag/Wundinfektion« wird am 4. Juni in die Sterbeurkunde eingetragen.

So endete vor 60 Jahren das Leben von Reinhard Heydrich, das nur 38 Jahre währte. Er war ein Mann, der wie sonst nur noch »der Führer« Adolf Hitler und der »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler die finsterste Seite des Nationalsozialismus verkörperte: eiskalt, gewissenlos, berechnend, mörderisch. Es hat lange gedauert, bis die Forschung sich an diese Figur herangewagt hat, die nicht nur bei der berüchtigten Wannsee-Konferenz 1942 die »Judenpolitik« bestimmte. Bis heute gibt es keine wissenschaftlich fundierte Biografie über Heydrich. Doch je mehr NS-Dokumente aus östlichen Archiven zugänglich wurden, je intensiver Historiker den Machtapparat und seine Entscheidungswege durchleuchten konnten, desto deutlicher wurde: Überall da, wo Hitlers Hassvisionen in konkrete Bluttaten umschlugen, ging Heydrich als Antreiber, Planer und Organisator voran. »Er war immer der aktivste Vollstrecker«, urteilt der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel. »Er handelte, wenn andere zauderten.«

»Mann mit eisernem Herzen«
Auf der Grundlage neuester Forschungen, Interviews mit Zeitzeugen und Experten sowie monatelanger Recherchen in deutschen, amerikanischen und osteuropäischen Archiven und an seinen Lebensstationen von Halle bis Prag dokumentiert der stern die Rolle des Staatsterroristen Heydrich: beim »Röhm-Putsch«, in der »Reichskristallnacht«, bei der Ermordung deutscher Nazi-Gegner und polnischer Intellektueller, sowjetischer Kriegsgefangener und tschechischer Widerständler. Vor allem aber war er der wahre »Architekt des Holocaust«. Er war es, der die ersten Konzentrationslager in Deutschland organisierte und später die Vergasungsfabriken im Osten. Für seine Skrupellosigkeit bei der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden pries Hitler ihn als »Mann mit dem eisernen Herzen«. Nach Ansicht des Amerikaners Charles Sydnor, der an einer Heydrich-Biografie arbeitet, war er »ebenso fanatisch wie der Rassenideologe Himmler, aber ergebnisorientiert und systematisch wie ein moderner Manager - ein pragmatischer Massenmörder«.

»Genialer Gesinnungsverbrecher«
Wie bei Hitler scheinen Forscher auch bei Heydrich immer wieder der Faszination des Bösen zu erliegen. Der Chef des berüchtigten Reichssicherheitshauptamts, dem die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und der SS-Sicherheitsdienst unterstanden, habe seine Verbrechen »mit einer bemerkenswerten, ja großartigen Begabung erdacht und durchgeführt«, urteilte der Kieler Historiker Michael Freund in einem Gerichtsgutachten 1956. »Er hat die luziferische Größe eines genialen Gesinnungsverbrechers.« Heydrich wäre als »einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, für die Ermordung von Millionen von Juden unmittelbar verantwortlich«, vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal 1946 »mit nahezu absoluter Sicherheit« zum Tode verurteilt worden.

Fortsetzung folgt >>
Teil 2




Mit schwarzen Stahlhelmen stehen »Reichsführer-SS« Himmler und sein Stellvertreter Heydrich am 16. März 1938 bei der Vereidigung der Polizei auf dem Wiener Heldenplatz stramm
(
Heinrich Hoffmann/Bay. Staatsbibliothek)

Heydrich - In der Gunst des Führers