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Heydrich - Die Macht des Bösen

»Ich kann euch alle ins KZ schicken«

Ausgerechnet in München, wo Adolf Hitler seine »nationalsozialistische Bewegung« gegründet hat, kommt die »Machtergreifung« der NSDAP mit fünf Wochen Verspätung. Sie beginnt am 9. März 1933 gegen elf Uhr mit einem Anruf bei Lina Heydrich. Ihr Ehemann Reinhard meldet sich in der Wohnung am Nymphenburger Schloss: »Schick sofort meine Pistole ins Braune Haus.« Lina erschrickt, aber sie lässt die Waffe zur NS-Parteizentrale bringen.

Wenig später verhandeln SA-Chef Ernst Röhm, Reichsführer-SS Heinrich Himmler und Heydrich, Chef des Sicherheitsdienstes der SS, in der Staatskanzlei mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Heinrich Held von der Bayerischen Volkspartei. Er weigert sich, den Nazi Franz Ritter von Epp zum »Reichskommissar« zu ernennen. Er will es vom neuen Reichskanzler Adolf Hitler schwarz auf weiß haben. Doch das angekündigte Telegramm aus Berlin bleibt aus. Ein zweites ebenfalls. Beamte des Münchner Telegrafenamts halten die Depeschen zurück. Da platzt Heydrich der Kragen: Der Hüne, 1,85 Meter groß und durchtrainiert, fährt zum Amt, zückt seine Pistole und erzwingt die Herausgabe der Telegramme.

Noch am selben Nachmittag rasen schwarze SA-Wagen zum Münchner Polizeipräsidium im Wittelsbacher Palais. Zwei SS-Offiziere in schwarzen Uniformen mit Hakenkreuz-Armbinden stürmen ins Direktionsbüro: Himmler und Heydrich.

»Ich habe wohl 6x telefoniert«
Der SS-Chef und sein Adlatus nehmen in München selbst in die Hand, was ihnen am 30. Januar in Berlin entgangen war. Auf den ersten Fotos des frisch ernannten Kanzlers Hitler ist zwar auch Himmler, als Einziger in Uniform, zu sehen. Aber bei der Verteilung der Ministerien war er leer ausgegangen und musste, ohne neues Amt, in Bayern bleiben. Sein Prestige war zwischenzeitlich so gering, dass der Berliner SS-Führer Kurt Daluege, später Chef der uniformierten »Ordnungspolizei«, offen mit Himmlers Rivalen Hermann Göring paktierte. Heydrich, als Verbindungsmann in die Reichshauptstadt entsandt, wurde von Daluege noch nicht einmal empfangen. Ehe er wieder abzog, klagte er in einer Notiz, festgehalten auf Briefpapier des Hotels Savoy, er sei am »Schirmgitter« des Berliner Statthalters abgeprallt: »Ich habe wohl 6x telefoniert.«

Nun greifen die beiden begierig nach der Macht, Himmler als neuer Polizeichef von München, Heydrich als Leiter der politischen Polizei, Abteilung VI. Er wolle »nur ausmisten«, sagt er seiner Frau Lina, ehe er sich wieder voll dem SD widme. Mit der Verhaftung von Hunderten von Kommunisten beginnen Himmler und Heydrich ihr Werk. Sie können sich dabei auf die Notverordnung »zum Schutz von Volk und Staat« stützen, die knapp 24 Stunden nach dem angeblich von Kommunisten gelegten Reichstagsbrand vom 27. Februar erlassen worden war. Es war die neue Grundordnung der faschistischen Diktatur: Unrecht erhielt Gesetzeskraft. Und Hitler gab dazu die Auslegung: »Es gibt jetzt kein Erbarmen mehr; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht.« Kaum zwei Wochen im Amt, hatten Himmler und Heydrich die Gerichtsgefängnisse bereits überfüllt. Am 22. März eröffnete Himmler in einer stillgelegten Pulverfabrik am Rande von Dachau ein Lager für bis zu 5000 »Schutzhäftlinge«. Heydrich nannte es amtlich knapp »KL« - »Konzentrationslager«.

Selbst Thomas Mann, den weltberühmten Verfasser der »Buddenbrooks«, seit 1929 Literatur-Nobelpreisträger, wollte Heydrich im Juli dort hinschicken. Er vertrete eine »undeutsche, der nationalen Bewegung feindliche, marxistische und judenfreundliche Einstellung«. Doch der Schriftsteller, auf Urlaub in der Schweiz, kehrte nicht mehr heim und wurde im Exil zu einem wortgewaltigen Prediger gegen die Nazis. Seine Besitztümer in München wurden beschlagnahmt.

Verweigerung, Verzögerung und Verängstigung
Am 11. April übernahm die SS die Bewachung von Dachau. Am Tag darauf erschossen SS-Wachleute die ersten drei Juden. Ein vierter überlebte schwer verletzt und zeigte sie im Krankenhaus an. Staatsanwälte ermittelten und fanden beim Ortstermin ein Lager vor, in dem die Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. Heydrich blockierte sie mit Verweigerung, Verzögerung und Verängstigung, bis sie schließlich aufgaben.

Von allen rechtlichen Kontrollen befreit, erwuchs so aus dem KL Dachau, wie der Orts-Historiker Hans-Günter Richardi schrieb, die »Schule der Gewalt«: das Muster für die Konzentrations- und Vernichtungslager, die folgen sollten; die Ausbildungsstätte für Männer wie den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß und den »Judenbeauftragten« Adolf Eichmann; die Brutstätte für die KZ-Schergen der ab 1936 so genannten SS-Totenkopfverbände. An die Stelle unzähliger »wilder« Folterlager, in welche SA-Sturmtruppen direkt nach der »Machtergreifung« wahllos Rote und Juden geworfen hatten, trat nun der organisierte Terror. Folter und Mord mit deutscher Gründlichkeit. Herr der Lager wurde der debile Theodor Eicke. Sein Motto: »Toleranz ist Schwäche«. Er ließ Häftlinge wegen geringster Vergehen nach einem strengen Strafkatalog mit dem Ochsenziemer halb tot schlagen - oder ganz tot. Als »Inspekteur der KL« gründete er später nach dem »Dachauer Modell« die Schreckensstätten Sachsenhausen, Buchenwald und Ravensbrück. Von 206000 Gefangenen zwischen 1933 und 1945 überlebten 31591 die Haft in Dachau nicht - dabei galt Dachau noch nicht einmal als »Vernichtungslager«.

Heydrichs Idee eines SS-Staats
Heydrich ließ sich von Polizeisekretär Heinrich Müller, den er wegen seiner Kenntnisse des kommunistischen Systems bedenkenlos aus dem alten Amt übernommen hatte, über Stalins Unterdrückungs- und Spionageorgan GPU und dessen Methoden aufklären. Eine zentrale Polizeimacht im Reich anstelle der zersplitterten Länderpolizeien schien ihm Voraussetzung für die Sicherung der NS-Macht. Heydrichs Idee eines solchen SS-Staats gefiel Himmler: Von Herbst 1933 bis Sommer 1934 brachte er nach und nach die politischen Polizeibehörden von Lübeck bis Schaumburg-Lippe unter sein Kommando.

Hatte Göring sich anfangs dem schmächtigen Brillenträger überlegen gefühlt (»Himmler und Heydrich kommen niemals nach Berlin«), so gab er im März 1934 klein bei: Auch in Preußen, wo der Dicke Ministerpräsident war, sollte Heydrich die politische Polizei leiten. Görings Gestapo-Chef schwante Schlimmes: »Heydrich wird kommen und die ganze Polizei in die Hand nehmen.« Göring brauste auf: »Was soll das heißen?« Rudolf Diels stöhnte nur: »Armes Deutschland!« Am 20. April 1934 wurde Himmler Inspekteur des Geheimen Staatspolizeiamts, Heydrich, wie gehabt, sein Stellvertreter und Gestapochef, zugleich immer noch Leiter des SD, der ab 9. Juni zum einzigen Geheimdienst der NSDAP aufrückte. Diels setzte sich nach Prag ab.

In der Prinz-Albrecht-Straße, nur zwei Blocks von der Reichskanzlei, bezog Himmler ein ehemaliges Hotel im Haus Nr. 9, Heydrich daneben in Nr. 8 eine ehemalige Kunstgewerbeschule, in die Göring schon 1933 die Gestapo gesetzt hatte. Auch wenn Himmler oft Heydrichs »kalte rationale Kritiksucht« auf den Geist ging und Heydrich sich zu Hause über Himmlers »Schulmeisterei« und seine Spinnerei für Hünengräber und Kaiserkulte lustig machte - die beiden hielten zusammen. »Reinhard Heydrich ist ohne Himmler nichts, und Heinrich Himmler ist mit Heydrich alles«, urteilte der Justizbeamte und spätere Widerstandskämpfer Hans Bernd Gisevius, der beide kannte. »Dieser Mann im Dunkeln mit seinem Fanatismus und der unermüdlichen Wachsamkeit, mit seinem knappen, klaren Vortrag und den unerbittlichen Schlussfolgerungen, dieser Techniker des Terrors mit seinen unerschöpflichen Dossiers, dieser ,Gläubige« ist der eigentliche Begründer, Ideologe und Organisator des SS-Staats.»

»Nacht der langen Messer«
Sein Gesellenstück lieferte das Duo infernale in der »Nacht der langen Messer«. Sie schafften ihrem Führer die eigensinnige SA-Spitze vom Hals. Dem war die braune Millionenarmee zur Last geworden, vor allem, weil ihr schwuler Stabschef Röhm nach der Macht über die Reichswehr schielte und damit das Offizierskorps aufbrachte, das Hitler für seine Eroberungspläne brauchte. Vorausschauend wie immer lieferte Heydrich aus seiner Geheimkartei die Namenlisten für die Liquidierung der SA-Führung. Heydrichs Spezi Friedrich Karl von Eberstein sagte nach dem Krieg aus, er habe Exekutionsbefehle gesehen, die ein Kurier aus Berlin zum Dresdner SD gebracht habe: »Unterschrieben waren diese Urkunden von Heydrich.« Zehn SA- und NS-Funktionäre seien daraufhin erschossen worden. Insgesamt starben vom 30. Juni bis 2. Juli 1934 beim »Röhm-Putsch« 89 Menschen.

Heydrich ließ Intimfeinde Hitlers in einem blutigen Aufwasch mit beseitigen. Als erster landete der ehemalige Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor Strasser, der Ende 1932 mit dem »Führer« gebrochen hatte, im Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht-Straße. Hinterrücks wurde er von einem SS-Mann niedergeschossen und dann in eine Zelle geworfen. Mitgefangene hörten ihn noch lange röcheln. Zwischendurch vernahmen sie Heydrichs hohe Stimme: »Ist er noch nicht tot? Lasst das Schwein verbluten!«

Fortsetzung folgt >> Teil 4




Unter einer monströsen Hitler-Büste gibt sich Heydrich als Frauenheld. Juden und Kommunisten verfolgt er gnadenlos