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Heydrich - Die Macht des Bösen

»Ich kann euch alle ins KZ schicken«

Von Mario R. Dederichs

Seinen alten SD-Kumpel Dr. Johannes Schmidt schickte Heydrich los, den ehemaligen Reichskanzler Kurt von Schleicher in seinem Haus zu ermorden. Weil dessen Frau dazukam, musste sie ebenfalls sterben. Dem SS-Hauptsturmführer Kurt Gildisch befahl Katholikenhasser Heydrich: »Sie übernehmen den Fall Klausener, der von Ihnen persönlich zu erschießen ist. Sie begeben sich hierzu sofort ins Verkehrsministerium.« Erich Klausener war Führer der Katholischen Aktion und arbeitete dort als Ministerialdirektor. Gildisch gab vor, ihn zu verhaften. Als Klausener seine Jacke holen wollte, feuerte ihm der Killer von hinten eine Kugel in den Kopf. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess behauptete Göring: »Das war eine ausgesprochen wilde Aktion Heydrichs.«

Hitler, der am 30. Juni selbst nach Bad Wiessee gereist war und Röhm aus dem Bett heraus verhaftet hatte, war drauf und dran, den alten Kampfgefährten »seiner Verdienste wegen« zu begnadigen. Da drängten ihn Göring, Himmler und Heydrich zum Mordbefehl. Am 1. Juli wurde der SA-Führer, Taufpate von Heydrichs erstem Sohn Klaus, in der Zelle 474 in Stadelheim erschossen. Den Todesschuss setzte ihm Himmlers KZ-Meister Eicke.

»Bartholomäusnacht« der Nazis
Aus der »Bartholomäusnacht« der Nazis ging die SS als Sieger über die SA hervor: Sie wurde am 20. Juli 1934 eigenständige Organisation; die SA stellte fortan nur noch das Fußvolk für Paraden. Heydrich wurde zum SS-Gruppenführer befördert und war seither als Finsterling des Dritten Reichs gefürchtet. Da war er erst 30.

Dem Schweizer Völkerbundsemissär Carl J. Burckhardt erschien er in seiner schwarzen Uniform wie »ein junger böser Todesgott«, Görings Kusine Ilse gar wie »der Teufel«. Bei einem Empfang in Berlin hatte die Gesellschaftskolumnistin Bella Fromm, eine Jüdin, die später in die USA emigrieren konnte, eine Begegnung der unheimlichen Art: »Ein Schauer überlief mich, als Heydrich vor mir höflich die Hacken zusammenschlug. Nicht für alles Gold der Welt hätte ich diesem Obermörder die Hand gereicht.«

Vor Burckhardt versuchte Heydrich, seinen Ruf zu verteidigen. »Man hält uns für Bluthunde im Ausland, ist es nicht so?«, sagte er. »Es ist fast zu hart für den Einzelnen, aber hart wie Granit müssen wir sein, sonst geht das Werk unseres Führers zugrunde.« Ähnlich argumentierte er 1936 in dem Parteipamphlet »Wandlungen unseres Kampfes«: »Um unser Volk zu erhalten, müssen wir dem Gegner gegenüber hart sein, auch auf die Gefahr hin, dem einzelnen Gegner menschlich damit einmal wehe zu tun und eventuell auch bei manchen sicherlich wohlmeinenden Menschen als unbeherrschte Rohlinge verschrien zu werden.« Um den Gegner »zu vernichten«, seien »Jahre erbitterten Kampfes« nötig. Dabei bestehe nur die Alternative: »Entweder wir überwinden den Gegner endgültig, oder wir gehen zugrunde.« SS und Gestapo bildeten nach Heydrichs Vorgabe ein »innerpolitisches Schutzkorps des nationalsozialistischen Staates«.

Befehlshaber über ein Schattenheer
1936 hatten Reinhard Heydrich und Heinrich Himmler den Polizeiapparat vollständig unter Kontrolle. Hitler ernannte seinen »Reichs-Heini« am 17. Juni zum Chef der Deutschen Polizei; neun Tage später machte der Heydrich zum Chef der Sicherheitspolizei, die Gestapo und Kripo umfasste. Seinen SD wollte Heydrich mit der Gestapo verschmelzen und so die Spitzel von Staat und Partei zu einer »Einheit« zusammenschmieden. Er verdonnerte sie per Ukas vom 1. Juli 1937 »zur gegenseitigen Ergänzung unter Vermeidung jeder Doppelarbeit«. »C«, wie sich Heydrich mit seinem Faible für englische Krimis und den Chief des britischen Geheimdienstes gern nennen ließ, befehligte nun ein Schattenheer von mindestens 50000 Mann. Da war er erst 33.

»Der Jude, der Freimaurer, der politische Geistliche« - wenn Heydrich die »ewig gleichen« Gegner des faschistischen Staates aufzählt, drängt sich der Eindruck auf, er kehre sich gegen seine eigene Herkunft: die - wohl nur eingebildeten - jüdischen Ahnen, den freimaurerischen Vater, Mitglied der »Loge zu den drei Degen« in Halle, und die katholische Mutter, von Nonnen in der Schweiz erzogen. Nicht wenigen Zeitgenossen fiel auf, dass Heydrich trotz all seiner Macht ein zutiefst zerrissener Mensch blieb. Schon äußerlich zerfiel er in einen zackig-sportlich-harten Kämpfertyp und in einen sanft-höflich-femininen Musenfreund; stechender Blick und schnarrender Ton paarten sich mit zarten Händen und weichen Hüften. Ein Kriminologe bezeichnete ihn nach dem Krieg als »ambivalent schizoid«. Einmal soll er sogar im Suff auf sein Spiegelbild geschossen und gerufen haben: »Hab ich dich endlich, du Kanaille!«

Bei Himmlers Adjutant Karl Wolff klagte Heydrich wiederholt über häuslichen Ärger. Seine Frau Lina, die bis 1942 vier Kinder zur Welt brachte, nörgelte wegen seiner ständigen Abwesenheit. Bei seiner Blonden aus dem Norden habe der Staatsterrorist unter dem Pantoffel gestanden, behauptete Wolff später. Lina wurde zugetragen, so etwas lege SS-Chef Himmler als Führungsschwäche aus: »Wer seine eigene Rotte nicht führen kann, kann auch keinen Haufen führen.«

Wolff machte sich ebenso wie Heydrich Hoffnungen auf Himmlers Nachfolge. Der Reichsführer-SS schürte ihre Rivalität, indem er andeutete, er könne sich beide als Erben vorstellen: Wolff für gute, Heydrich für schlechte Zeiten. So wahrte Himmler seine Macht-position. Darum hat er Heydrich auch nie die volle Gewalt über alle »Ordnungsaufgaben« übertragen: Die reguläre Polizei blieb bei Daluege, die Bewachung der Konzentrations-lager lenkte »Papa« Eicke, ihren Ausbau zum Sklavenwirtschafts-Imperium übernahm ab 1942 das SS-Hauptamt unter Oswald Pohl.

Suche nach Saufkumpane und Sexpartner
Wenn Heydrich sich von Eheproblemen und Mordgeschäft ablenken wollte, suchte er Saufkumpane und Sexpartner. Nach wie vor sah er sich als toller Schürzenjäger, und Lina wusste, dass es »da immer Mädchen gab in meiner Ehe«. Oft verpflichtete er seine engsten Mitarbeiter wie den jungen SD-Auslandschef Walter Schellenberg zu nächtelangen Streifzügen durch Berliner Bars und Bordelle. Kein Sex war ihm abartig genug. Und trotzdem endete er zuweilen als blasser Abglanz des Mannes, vor dem alle Angst hatten. In einer Kneipe lachten ihn Gäste aus, als er schrie: »Ich bin der Chef der Gestapo! Ich bin Heydrich! Ich kann euch alle ins Konzentrationslager schicken!«

Von denen, die ihn kannten, wagte es niemand, Heydrich den Respekt zu verweigern. Nicht die Mitarbeiter, die er mit seiner unermüdlichen Arbeitswut zu ständigen Höchstleistungen antrieb. Nicht die Gefangenen wie der spätere Nürnberger Ankläger Robert Kempner, die er im Gestapo-Keller aufsuchte, um »bösartige Reden« zu schwingen. Nicht die Parteifreunde, die zu gern gewusst hätten, was in seinen Dateien über sie und ihre Fehler erfasst war. »C«, wie ihn Schellenberg beschrieb, hatte ein Gespür für die Schwächen der Mitmenschen und konnte sein Wissen »sowohl in seinem phänomenalen Gedächtnis als auch in seiner ,Kartei« registrieren und im richtigen Moment ausspielen, oftmals erst nach Jahren».

Heydrich durchschaute die Geheimnisse des Dritten Reiches: Er wusste von Hitlers Krankheiten und Jugendsünden, hatte sogar seine Bekanntschaften in Wiener Männerheimen um 1910 und den mysteriösen Selbstmord seiner »Lieblingsnichte« Geli Raubal 1931 überprüfen lassen. Er kannte Görings Morphiumsucht, Goebbels' Seitensprünge und Himmlers Magenkrämpfe. Er ließ vom SD »Berichte aus dem Reich« zusammenstellen, um den Oberen ein ungeschminktes Stimmungsbild aus dem Volk zu liefern. Aus allen Gauen sammelte er Gestapo-Berichte. Es sind Tagesmeldungen der Unterdrückung, die fein säuberlich auch die Verhaftungen auflisten, am 13. Oktober 1936 zum Beispiel: Berlin 36, Hamburg 21, Düsseldorf 17, Dortmund 12, Bielefeld 10, Frankfurt/Main 4, Frankfurt/Oder 1....

1935 wurde der jüdische Publizist Berthold Jacob aus seinem Exil in Basel nach Deutschland entführt. Im Keller der Gestapo lernte er am 11. März den Mann im blauen Anzug kennen, der »offenbar der Herr dieses Hauses und dieses Gefängnisses war«. Zuerst hörte er nur seine Stimme: »Also hier sitzt das Schwein!« Jacob berichtete später: »Heydrich äußerte in burschikoser Manier seine Genugtuung darüber, dass er mich ,nun endlich« hätte, und riet mir ,im Guten», bloß keine ,Sperenzien« zu machen. Damit würde man hier gut fertig ... Beim Herausgehen aus meiner Zelle richtete Heydrich an den Wärter noch die Frage, ob ich richtig äße. ,Versuchen Sie bloß nicht, uns hier mit Hungerstreik und ähnlichen Mätzchen zu imponieren. Das würde Ihnen schlecht bekommen.»«

Im September musste »C« den Juden nach diplomatischen Interventionen wieder in die Schweiz ziehen lassen. Doch Heydrichs langer Arm holte Jacob wieder ein: 1941 entführten SD-Agenten ihn aus Portugal; 1944 starb er in Berliner Haft.

Knick in der gradlinigen Karriere
Heydrichs gradlinige Karriere bekam Anfang 1938 einen Knick. Hitler und Göring suchten damals nach Wegen, die führenden Militärs der alten Garde loszuwerden. Kriegsminister Werner von Blomberg und Heereschef Generaloberst Werner von Fritsch wehrten sich offen gegen die Kriegspläne der Nazis. Blomberg erledigten sie wegen seiner »nicht standesgemäßen« Altershochzeit mit einer ehemaligen Prostituierten. Bei Fritsch zogen sie ein zwei Jahre altes Gestapo-Dossier hervor, das ihm homosexuelle Beziehungen zu einem Strichjungen nachsagte. Hitler hatte es 1936 ignoriert, doch Heydrich behielt eine Kopie im »Giftschrank«. Die kam jetzt gelegen. Ein »Zeuge« aus dem Milieu, Otto Schmidt, wurde Fritsch vor Hitlers Augen unerwartet gegenübergestellt und rief aus: »Ja! Das ist er!« Verdutzt fragte der Oberbefehlshaber: »Was will der Herr von mir?«

Bald stellte sich heraus, dass der übereifrige Gestapo-Kommissar Josef Meisinger nicht genug recherchiert und Schmidt mit der Andeutung einer »Himmelfahrt« bewogen hatte, falsch auszusagen. Wie Fritschs Verteidiger herausfand, war ein Rittmeister von Frisch der Kunde des Strichers. Am 17. März sprach das Reichskriegsgericht Fritsch »wegen erwiesener Unschuld« frei. Heydrich hatte vergebens versucht, dem General in Verhören Selbstmord nahelegen zu lassen. Schmidt ließ er erschießen. Während dieser Krise fürchtete der Gestapo-Chef sogar einen Putsch konservativer Militärs. Mit Schellenberg wartete er in einer Berliner Bar ab, Aspirin schluckend, bis er entschied: »Wenn die in Potsdam nicht innerhalb einer Stunde marschieren, dürfte die Gefahr vorüber sein.« Auch Hitlers und Himmlers Zorn über die Blamage verrauchte.

Inzwischen hatten sich Gestapo und SD beim Einmarsch in Österreich bestens bewährt, indem sie anhand von Heydrichs Listen alle Widersacher verhaftet und in Windeseile ein Polizeinetz über das Alpenland ausgeworfen hatten. Am 14. März feierte sich der »Führer« im Wiener Hotel Imperial: Er hatte das »Diktat« der Sieger von 1919 gegen den »Anschluss« Österreichs an das »Altreich« ungestraft gebrochen. Heydrich lobte er: »Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass der Vertrag von Saint-Germain nun zerrissen ist. Das ist herrlich, und ich danke Ihnen!«

Meister der »Schutzhaft«
Der »Anschluss« führte scharenweise neue Opfer in die KZ-Maschinerie der SS. Bald entstand nahe Hitlers Heimatstadt Linz das Konzentrationslager Mauthausen. Häftlinge mussten sich dort zu Tode schuften, indem sie sogar Felsbrocken eine Treppe hinaufschleppten, nur um sie wieder hinunterzuwerfen und erneut hochzutragen. Überall im Dritten Reich konnten Heydrichs Häscher mit dem Mittel der »Schutzhaft« Menschen beliebig lange hinter Gittern und Stacheldraht halten und unbehelligt quälen. Einspruch war unmöglich, seit das Preußische Verwaltungsgericht am 2. Mai 1935 entschieden hatte, die Gestapo unterstehe nicht der ordentlichen Gerichtsbarkeit. Heydrich, der Meister der »Schutzhaft«, begründete sie damit, es sei »sinnlos abzuwarten«, bis »degenerierte Verbrecher« wieder straffällig würden. Vielmehr müsse die Staatspolizei »volksschädliche Taten rechtzeitig vorbeugend verhindern«

Wie solches Unrecht in der Praxis aussah, zeigt der im Düsseldorfer Gestapo-Archiv dokumentierte Fall des jüdischen Kaufmanns Alfred Oppenheim, einer von vielen: Wegen Kontakten zur illegalen KPD, die das Gericht als »Vorbereitung zum Hochverrat« auslegte, wurde er 1936 im Alter von 29 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Als er am 6. Juni 1941 aus der Strafanstalt Siegburg entlassen werden sollte, kam er, als Jude und Kommunist automatisch zum »Staatsfeind« abgestempelt, sofort ins Polizeigefängnis Düsseldorf - »Schutzhaft«. Seine Frau Martha bettelte bei der Gestapo um seine Entlassung, dann könnte die gesamte Familie die bereits vorbereitete Auswanderung in die USA antreten. Oppenheim versprach schriftlich, er werde sich selbst im Ausland »niemals gegen das Deutsche Reich betätigen«. Alles vergeblich. Am 7. Juli 1941 traf ein Schreiben aus Berlin ein: »Für den Obengenannten ordne ich hiermit Schutzhaft bis auf weiteres an ... O. ist in das KL. Neuengamme zu überführen ... Frau Martha Sara Oppenheim, Düsseldorf, Kreuzstr. 58, bitte ich auf ihr hier eingeg. Gesuch in meinem Namen abschlägig zu bescheiden. Gez.: Heydrich.«

Strippenzieher ohne Mitleid, ohne Gnade, ohne Reue
In Neuengamme bei Hamburg starb Oppenheim laut Telegramm des Lagerkommandanten an die Stapo-Leitstelle Düsseldorf am 24. Juni 1942 »an Lungentuberkulose«. Wieder eine Lüge: Tatsächlich war er beim Experimentieren mit Giftgas in der Heilanstalt Bernburg getötet worden, wo der ärztliche Gutachter Dr. Fritz Mennecke die »Diagnose« gestellt hatte, er sei ein »fanatischer Deutschenhasser + asozialer Psychopath«. Oppenheims Frau war nach Minsk »evakuiert« worden - ihr Todesurteil. Zu diesem Zeitpunkt war überall im Machtbereich der Nazis ein großes Morden im Gange, an »Staatsfeinden«, »Asozialen«, Geisteskranken, Juden. Und Heydrich zog die Strippen, ohne Mitleid, ohne Gnade, ohne Reue.

»Er war ein Mann wie ein Peitschenknall«, urteilte der Historiker Joachim Fest, »in seiner luziferischen Gefühlskälte, seiner Amoralität und unstillbaren Machtgier.« In einer Rede zum »Tag der Polizei« 1941 erläuterte Heydrich, nun sogar Leiter der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission, der Vorläuferin der Interpol, die Rolle der Sicherheitspolizei: »So sind wir, scherzhaft ausgedrückt, variabel vom ,Mädchen für alles« bis zum ,Mülleimer des Reiches».« Doch da lachte über seine Scherze schon längst niemand mehr.

Fortsetzung folgt




Unter einer monströsen Hitler-Büste gibt sich Heydrich als Frauenheld. Juden und Kommunisten verfolgt er gnadenlos