Nordkorea
ist nicht Irak
Im Unterschied zum Irak setzt die US-Regierung bei Nordkorea
trotz des eingestandenen Atomwaffenprogramms auf Diplomatie und nicht auf Krieg
BERLIN
taz/dpa US-Präsident George W. Bush betrachtet die Existenz eines geheimen
Atomwaffenprogramms in Nordkorea nach Aussagen eines Sprechers als "ernsten
Verstoß", sieht aber keine Parallelen zum Irak. Der Präsident
strebe trotz der "Besorgnis erregenden, ernüchternen Nachricht"
im Falle Nordkoreas eine friedliche Lösung an. "Der Irak ist einzigartig",
sagte ein Sprecher, der Bush bei einem Wahlkampfauftritt in Atlanta begleitete.
Der ging dort nicht auf Nordkorea ein. Sein Sprecher nannte Saddam Hussein einen
"mörderischen Diktator". Zwar unterdrücke auch das nordkoreanische
Regime sein Volk und lasse es hungern, "aber es handelt sich um unterschiedliche
Regionen und Umstände".
Auch
Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice bestand darauf, Nordkorea und Irak, die
Bush zusammen mit Iran "Achse des Bösen" nennt, unterschiedlich
zu behandeln. Im Sender ABC sagte sie, Saddam Hussein sei eine eigene Kategorie,
da er bereits Massenvernichtungswaffen gegen seine Bevölkerung und Nachbarstaaten
eingesetzt habe. "Wir glauben, dass wir andere Methoden im Umgang mit Nordkorea
haben", sagte sie.
In
Peking trafen gestern US-Staatssekretär John Bolton und Unterstaatssekretär
James Kelly bereits Vertreter der Regierung Chinas. Bolton wollte anschließend
nach Moskau, London und Paris reisen, Kelly nach Seoul und Tokio. Sie wollen die
Regierungen in Moskau und Peking, die den engsten Kontakt zu Pjöngjang haben,
drängen, Nordkorea zur Aufgabe des Atomprogramms zu bewegen.
Mittwochabend
hatte US-Außenamtssprecher Richard Boucher eingeräumt, dass Nordkorea
bereits 12 Tage zuvor einer von Kelly geleiteten Delegation die Existenz seines
geheimen Atomwaffenprogramms gestanden habe. Warum behielt die US-Regierung dies
so lange für sich? Aus dem Weißen Haus verlautete, man habe Zeit gebraucht,
um mit Verbündeten in Asien sowie mit Kongressvertretern zu beraten. Kritiker
vermuten dagegen, die Regierung wollte unbedingt vermeiden, dass die Debatte um
einen Irakkrieg von dem unterschiedlichen US-Kurs gegenüber Nordkorea beeinflusst
werde. Das von Kritikern als "Messen mit zweierlei Maß" kritisierte
Vorgehen erklären Beobachter auch damit, dass Washington vermeiden wollte,
mit zwei Krisen gleichzeitig konfrontiert zu sein. Ein Angriff auf Nordkorea wäre
auch zudem viel riskanter, da Nordkorea stärker gerüstet ist und Südkoreas
an der Grenze gelegene Hauptstadt Seoul nicht einmal vor einem konventionellen
Angriff aus dem Norden zu schützen ist. Auch hat Nordkorea kein Öl,
aber eine hungernde Bevölkerung, die bei einer Eroberung zu versorgen wäre.
Laut
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestehen die USA bei Nordkorea auch nicht
auf der Entsendung von Waffenkontrolleuren. Das würde keinen Sinn machen,
da Nordkorea ja schon eingeräumt hätte, Atomwaffen zu entwickeln, sagte
Rumsfeld. Er gehe davon aus, dass Nordkorea bereits "eine kleine Anzahl"
von Atomwaffen besitzt. Eine Bestätigung dafür gebe es nicht. Ein US-Regierungssprecher
sprach gestern von zwei Plutoniumbomben. Das Plutonium hierfür sei bereits
vor 1994 produziert worden. Wie die New York Times gestern unter Berufung auf
Geheimdienstkreise berichtete, erhielt Nordkorea von Pakistan um 1997 eine Gaszentrifuge
und andere Geräte zur Anreicherung von Uran und lieferte dafür Raketentechnologie.
Pakistans Regierung dementierte dies gestern.
SVEN HANSEN