Trophäen
für den Panzerschrank
Baader,
Ensslin, Raspe - die Häftlinge von Stammheim landeten 1977 auf dem Seziertisch
von Hans Joachim Mallach. 25 Jahre später reden erstmals dessen Söhne
über einen Gerichtsmediziner mit SS-Vergangenheit und sein Geheimnis: die
Masken der Toten. Von Jürgen Dahlkamp
Tübinger
Bergfriedhof, 19. Oktober 1977, 0.30 Uhr. Leichensache L 250/77: Auf dem stählernen
Obduktionstisch lag der tote Terrorist Andreas Baader und starrte Hans Joachim
Mallach an. Aufgesetzter Kopfschuss von hinten - auch Baader, der brutalste RAF-Führer,
hatte sich Mallach also ans Messer geliefert, und das Messer schnitt nun rasch
durch die Haut, bis ins Innerste des Feindes.
Ein Feind? Gegen Feinde hatte
der Mann am Messer im Krieg gekämpft, Russland, Normandie, Ardennen, so einen
wie Baader nannte Mallach, wenn er zu Hause über ihn redete, einen "Strolch".
Einen, der auf alles gespuckt hatte, was Mallach heilig war. Die Ordnung, den
Respekt, das was Mallach meinte, wenn er seinen eigenen Söhnen Wolfgang und
Detlef "preußisches Männertum" einimpfte.
Die
Schädelhöhle: Mit der Routine eines Handwerkers hatte der Ordinarius
der Tübinger Gerichtsmedizin zuerst Baaders Hirn herausgenommen. Im Gewebe
entdeckte er mit seinem Stuttgarter Kollegen Joachim Rauschke eine fingerstarke
Rinne, quer durch Kleinhirn, Stammhirn und Mantelkante des rechten Stirnlappens.
Da war er, der Schusskanal.
Vor
allem aber hatten ausgerechnet diese mordenden Strolche seiner, Mallachs, Generation
einen Krieg vorgeworfen, für den sich damals auch ein junger Hitlerjugend-Führer
in Flatow, Westpreußen, so begeistert hatte, dass er sich 1942 freiwillig
zur Elitetruppe meldete. Und der sich jetzt, 35 Jahre später, mit einer fast
unsichtbaren Narbe am Arm über den toten Baader beugte, links, oben, innen,
dort wo sich Hans Joachim Mallach nach dem Krieg die eintätowierten Buchstaben
hatte herausschneiden lassen. Seine Blutgruppe - das Erkennungszeichen der SS.
In dieser Nacht
des deutschen Herbstes, vom 18. auf den 19. Oktober 1977, seziert Hans Joachim
Mallach sieben Stunden, erst Gudrun Ensslin, dann Baader, dann Jan-Carl Raspe.
Er arbeitet zügig, zielstrebig, bis zur Erschöpfung. Nichts verrät
einen Gedanken, eine Gesinnung. An diesem Ort, in diesem Moment ist er eine Koryphäe
der Gerichtsmedizin, der Obduzent der Roten Armee Fraktion (RAF). Vor einem Jahr
Ulrike Meinhof, jetzt Baader, Ensslin, Raspe, drei Jahre später noch Juliane
Plambeck und Wolfgang Beer.
Und
hätte einer behauptet, der Professor werde sich hinterher an den drei Leichen
zu schaffen machen, werde sich heimlich Totenmasken besorgen, als Trophäe
für seinen Panzerschrank, die Zeugen im Raum - darunter auch Otto Schily,
damals Ensslins Anwalt, heute Bundesinnenminister - hätten es sich wohl nicht
vorstellen können.
Genau
ein Vierteljahrhundert ist seit jener Nacht vergangen, aber erst jetzt reden Wolfgang
und Detlef Mallach über ihren im Januar 2001 gestorbenen Vater, der die Spitze
der RAF sezierte. Ein "Rachefeldzug der Söhne", sagt die Witwe
Dürten Iris Mallach, "die Wahrheit", sagen Wolfgang und Detlef
Mallach - eine sehr deutsche Familiengeschichte, das auf jeden Fall.
Erstmals
kommt damit ans Licht, wen der Zufall damals zusammenführte. Dass sich -
als Konzentrat einer ganzen Epoche - in diesen sieben Stunden auf dem Tübinger
Bergfriedhof der Irrweg der RAF-Terroristen ausgerechnet mit jener Hauptstraße
kreuzte, auf der die Vätergeneration aus der Nazi- in die Nachkriegszeit
entkommen war. Und dass der Gerichtsmediziner Mallach diesen Zufall noch nutzte,
sich illegal ein Souvenir von den toten Terroristen zu nehmen.
Eine
Geschichte von Vätern und Söhnen: Auf dem Tisch lagen die irregegangenen
Terrorkinder einer Revolte, die 1967 damit angefangen hatte, dass der Muff von
1000 Jahren hochgeblasen werden sollte. Und über ihren Leichen, mit dem Seziermesser
in der Hand, stand ein Professor, der diesen Muff bis zum Oberarm unter dem Talar
hatte. Ein Mann, der - so ihre Erinnerung - seinen Sohn Wolfgang einen "Revoluzzer"
nannte und seinen Sohn Detlef ein "rotes Schwein".
Die
Geschichte beginnt 1942: Mallach ist 17 Jahre alt, als er sich freiwillig meldet,
die Welt zu erobern. Deutschland wird gerade größer und größer,
und der Hitlerjunge Hans Joachim will dabei sein, an der richtigen Stelle, bei
der Waffen-SS, in der Leibstandarte Adolf Hitler. Doch seine Einheit kommt nicht
mal bis Stalingrad, mit einem Granatsplitter in der Rippe, einem abgefrorenen
großen Zeh schlägt er sich zu einem Sani-Zug durch, zurück nach
Berlin.
Ist Mallach
da schon desillusioniert, fertig mit dem Regime, wie sein Kriegskamerad Erich
B. sagt? Oder besitzt er nur den Instinkt, wie man am besten durchkommt? Mallach
beschützt nun Adolf Hitler und Martin Bormann, er steht Wache in der Reichskanzlei,
ganz nah am Führer.
Dann
kommt die Abkommandierung in den Westen. Mit anderen aus der SS-Leibstandarte
soll er die erfahrene Kerntruppe einer neuen Einheit bilden, die später an
der Invasionsfront als "Babydivision" berühmt wird: die SS-Panzerdivision
"Hitlerjugend", kriegsunerfahrene Hitlerjungen, die von ihren Führern
auf den Endsieg eingeschworen und verheizt werden. Mallach ist Unterscharführer
beim Regiment 26, 14. Kompanie; auf dem Rückzug rettet er dem angeschossenen
Erich B. das Leben, erhält das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Schließlich
sitzt er bei Darmstadt in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager, bis er sich
mit einer Drahtschere den Weg in ein neues Leben freiknipst.
Bis
hierhin ist er 21, ein junger Mann mit dem Recht der Jugend, Fehler zu machen
und diese einzusehen oder gar zu bereuen. Sein Schwager Armin, Assistenzarzt am
Stuttgarter Olga-Hospital, schneidet ihm die Blutgruppen-Tätowierung aus
dem Oberarm, macht das so, dass er Mallach auch noch auf der anderen Seite ein
Loch in den Arm bohrt. So sieht es nach einem Durchschuss aus, wenn der SS-Mann,
Parteinummer 9154986, irgendwann mal die Arme heben müsste.
Sein
Kriegskamerad B. und Mallachs zweite Frau Dürten Iris halten das für
einen klaren Schnitt. Tausende hätten das so gemacht, weil die Tätowierung
nach dem Krieg "unterschiedslos als Zeichen politischer Belastung" gewertet
worden sei. Dabei, sagt die Witwe, sei ihr Mann schon im Krieg wegen "weltanschaulicher
Lässigkeit" gerügt worden und habe das System "kritisch"
gesehen. Nach der Kapitulation habe er nicht nur äußerlich, sondern
auch innerlich abgeschlossen mit den Nazis.
Nur:
So wenig es zu einem Ewiggestrigen passt, dass Mallach nach dem Krieg ein großer
Jazzfan wird, so wenig passt es zu einem Demokraten, in welchem Geist er nun -
nach deren Schilderung - die beiden Söhne erzieht.
Wolfgang
wird 1957 geboren, Detlef zwei Jahre später; da diente sich der Vater an
der Freien Universität in Berlin schon an eine Habilitation heran. Mallach
will seine Söhne flink, hart, zäh. Fotos von ihnen klebt er sorgfältig
auf Karton und bringt die Seiten mit Wolfgang mehr als zehn Kilometer weit nach
Wilmersdorf, zum Buchbinder Hubertus von Hagen. An das Geschäft kann sich
der Sohn kaum noch erinnern, umso besser an den Satz des Vaters: "Das war
der Hofbuchbinder Adolf Hitlers."
Von
Hagen hatte im Dritten Reich tatsächlich für Hitler Bücher gebunden,
dem Reichsmarschall Hermann Göring Passepartouts für Bilder gefertigt.
Und so wie ihm wird der Vater nun häufiger Menschen mit braunem Schatten
begegnen, Menschen, von denen Detlef und Wolfgang heute sagen: "Die haben
sich gerochen wie Wölfe."
1974
etwa schleppt Mallach seine Söhne im nordhessischen Lippoldsberg in den einschlägigen
Buchladen von Holle Grimm, der Mitbegründerin der rechtsextremen "Gesellschaft
für freie Publizistik" und Tochter des völkischen Schriftstellers
Hans Grimm. Der hessische Verfassungsschutz betrachtet den Laden und den "Klosterhaus-Verlag"
von Holle Grimm bis heute als "rechtsextrem". Seinem Sohn Wolfgang kauft
Mallach dort das Hauptwerk von Hans Grimm: "Volk ohne Raum".
Die
Söhne empfinden diese siebziger Jahre, als der Vater schon in Tübingen
Ordinarius der Gerichtsmedizin ist, als bleierne Zeit, vor allem nach dem Tod
der leiblichen Mutter 1973. Immer länger werden die Monologe des Vaters:
Die Beatles - sind mit schuld an '68. Rommel, der widerspenstige Wüstenfuchs
- ein Verräter. Sebastian Haffner - jüdisch infiltriert. Sohn Detlef
- kommunistisch verführt.
Für
Wolfgang und Detlef Mallach steht fest: Ihr Vater hat diese Republik, in der er
Karriere machte, verachtet. Aber diejenigen, die sie mit Gewalt verändern
wollten, mit Anarchie, mit Terror, die verachtete er noch mehr. Und so zufällig
es sein mochte, dass die Toten der RAF auf seinem Tisch landeten, weil sie im
nahen Stammheim starben, so sehr nutzte er die Macht, die ihm dieser Zufall bescherte.
Er holte sich, was die Söhne einen "Skalp" nennen - die Totenmasken
der RAF-Führer.
Auf
dem Tübinger Bergfriedhof sind die Rollen in jener Nacht klar verteilt. Mallach
seziert, Rauschke - wiewohl nominell erster Obduzent - diktiert die Ergebnisse
auf Band, und das Ergebnis ist: Selbstmord. Tatsächlich gibt es nichts, keinen
belastbaren Hinweis, dass Mallach bei diesen drei Obduktionen etwas anderes war
als der preußisch korrekte Professor, als den ihn alle im Raum sahen. Keine
Bemerkung, wie er sie sich später bei den Söhnen erlaubt haben soll
- "jetzt herrscht endlich wieder Ruhe". Und erst recht kein Indiz, dass
er getrickst hätte, um aus drei Morden drei Selbstmorde zu machen. Vielleicht
hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal geplant, die Köpfe der Toten
heimlich in Gips zu drücken, für ein Souvenir.
Aber
die Leichen bleiben nach der Obduktion noch einen Tag und eine Nacht bei Mallach,
und was dann beginnt, ist ein merkwürdiges, bis heute geheim gehaltenes Defilee
der Maskenjäger. An jenem 19. und 20. Oktober werden vermutlich vier Sätze
Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe gefertigt. Nur ein Satz, der des Tübinger
Künstlers Gerhard Halbritter, entsteht mit Einverständnis eines Angehörigen,
Ensslins Vater Helmut. Die restlichen drei sind offenbar Mallachs Werk.
Um
eine Serie bittet Josef Ring, Dezernatsleiter im Stuttgarter Landeskriminalamt
(LKA) - ohne Einwilligung der Angehörigen, ohne Auftrag der Staatsanwaltschaft,
nur falls das LKA damit irgendwann mal irgendwas anfangen kann. "Mallach
hat sie gemacht", sagt Ring heute; jahrelang liegen die Abdrücke in
Rings Amtsstube, seit kurzem - bislang ungezeigt - im Fundus für das künftige
"Haus der Geschichte Baden-Württemberg" in Stuttgart.
Auch
in der Polizeiakademie Freiburg gibt es ein Tripel der Gesichter des Terrors.
Ein Beamter der Soko Baader-Meinhof hat sie dort abgegeben. Auch sie müssen
in den Stunden entstanden sein, in denen die Leichen in Mallachs Hand waren.
Und
dann sichert sich Mallach selbst sein Andenken an die RAF. "Da kam wohl die
Idee: ,Das machen wir selber'", sagt seine Witwe. Das sind die Abdrücke,
die Wolfgang Mallach Anfang der achtziger Jahre sieht, als er seinen Vater im
Institut besucht. Der Tresor steht offen, drinnen liegt der RAF-Schatz, und der
Vater bekennt, dass er die Abdrücke nicht hätte nehmen dürfen.
Heute sind sie verschwunden. "Möglicherweise hat mein Mann sie weggeworfen",
spekuliert Dürten Iris Mallach.
Es
muss Mallach schwer gefallen sein, das Antlitz der "Strolche" im Augenblick
ihrer größten Niederlage aus der Hand zu geben.
Seine
eigenen Söhne verliert er, ohne dass es ihn sichtbar berührt. Wolfgang
bricht mit ihm 1987, da ist er 30, unverheiratet, und die Freundin erwartet ein
Kind. Er will einen Termin vereinbaren, damit die Familien sich kennen lernen,
sein Vater sagt: "Ein Bastard also." Letzte Worte.
Detlef
bleibt noch fünf Jahre - drei länger, als die letzte Achtung für
seinen Vater gereicht hat. Es war im Sommer 1989, der Vater wurde emeritiert und
sollte das Bundesverdienstkreuz bekommen. "In meinen 30 Lebensjahren hatte
ich 25 Jahre lang nur gehört, dass diese Demokratie Scheiße ist, zum
Sterben verurteilt, dass er von diesem Staat nichts haben will. Wenn er wenigstens
konsequent ist, dachte ich, dann lehnt er das ab." Doch Hans Joachim Mallach
nimmt an.
Am
Tag, als er annimmt, am 29. September 1989, hängt an der Wand in seinem Arbeitszimmer
ein gerahmter Spruch, den ihm seine Frau geschenkt hat. "Stünde ich
wieder am Anfang, würde ich wieder handeln, wie ich handelte, auch wenn ich
wüsste, dass am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt."
Ein Satz aus Nürnberg, gefallen am 31. August 1946, aus dem Schlusswort des
Angeklagten Rudolf Heß.
spiegel