INTERVIEW
MIT SADDAM HUSSEINS STELLVERTRETER
"Sie
sollen nur kommen"
Der
irakische Vizepräsident Taha Jassin Ramadan über die Konfrontation mit
Bushs Amerika, die Haltung Berlins und die möglichen Folgen eines neuen Golfkrieges
in der arabischen Welt
SPIEGEL:
Herr General, Sie haben zur Beilegung des Konflikts zwischen dem Irak und den
Vereinigten Staaten ein Duell vorgeschlagen: Wer soll da gegen wen antreten?
Ramadan: Das Duell habe ich angeregt, weil die Amerikaner tagtäglich
Lügen in die Welt setzen und alle Länder irreführen. Bislang haben
sie behauptet, nichts gegen das irakische Volk im Schilde zu führen. Auch
die Sanktionen, sagte zum Beispiel US-Außenminister Colin Powell, hätten
nur das Ziel, unseren Präsidenten und seine Umgebung auszuschalten. Ich frage
mich: Dieser groteske und überdimensionale Truppenaufmarsch, die Raketen
und Cruise Missiles - wen sollen die denn vernichten, wenn nicht das irakische
Volk?
SPIEGEL:
Welche Waffen würden Sie denn bei dem Duell bevorzugen? Säbel, Pistolen,
Raketen?
Ramadan:
Die Wahl der Waffen überlassen wir den Amerikanern. Mein Vorschlag war, dass
die Präsidenten Saddam Hussein und George W. Bush das Duell an einem neutralen
Ort austragen, um die Iraker und damit die Welt von den Problemen zu befreien,
welche die Amerikaner geschaffen haben. Und Uno-Generalsekretär Kofi Annan
sollte zusehen, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
SPIEGEL:
Die Amerikaner denken an eine andere Form der Auseinandersetzung.
Taha Jassin Ramadan
ist derzeit engster Vertrauter des irakischen Staatspräsidenten
Saddam Hussein und verantwortlich für Wirtschaftspolitik und Kaderfragen.
In der Bagdader Kamarilla rangiert der schnauzbärtige General, der stets
in Uniform auftritt, klar vor Vizepremier Tarik Asis, dem diplomatischen Sprachrohr
des Regimes. Der Sunnit wurde 1939 in Mossul geboren. Er trat 1956 der sozialistischen
arabischen Baath-Partei bei und ist seit 1969 Mitglied von Saddams Revolutionärem
Kommandorat.
Ramadan:
Woran die Amerikaner denken, kann ich Ihnen sagen: Sie nehmen ständig das
Wort "Demokratie" in den Mund, definieren ihre Demokratie aber immer
nur nach eigenen Bedürfnissen. Rücksichtslos mischen sie sich in die
Angelegenheiten anderer ein - und schrecken dabei selbst nicht vor der Anwendung
von Massenvernichtungswaffen zurück. Sie allein wollen bestimmen: Dieses
Volk soll diesen Präsidenten haben, jenes Volk jenen. Dieses Wahlergebnis
ist richtig, jenes ist falsch.
SPIEGEL:
Umgekehrt beschuldigt Amerika den Irak, seine Nachbarschaftskonflikte nicht mit
Duellen, sondern mit Invasionen zu lösen.
Ramadan:
Dann sollen sie doch mal unsere Nachbarn fragen, ob die sich jetzt vom Irak bedroht
fühlen - die haben sich alle gegen einen Angriff auf den Irak ausgesprochen.
Oder vielleicht sollte sich eine Kommission mit dieser Frage beschäftigen,
der unsere arabischen Brüder, die Mitgliedstaaten der Europäischen Union
und die Länder Asiens angehören - das wäre sicher sehr aufschlussreich.
Nur das illegale zionistische Gebilde ...
SPIEGEL:
... wie Sie Israel bezeichnen ...
Ramadan:
... hat doch ein Interesse daran, dass die Amerikaner mit ihrer Verschwörung
durchkommen.
SPIEGEL:
Der Irak und die Vereinigten Staaten waren nicht immer Feinde. Als Sie 1980 das
islamistische Revolutionsregime in Iran angriffen, kam das den Amerikanern sehr
gut zupass, Saddam Hussein war der Darling Washingtons.
Ramadan:
Die Beziehungen zwischen dem Irak und Amerika wurden 1967 nach dem zionistischen
Angriff gegen Ägypten, Syrien und Jordanien abgebrochen und erst 1983 wieder
aufgenommen. Es hat wirtschaftliche Beziehungen gegeben, aber gegenseitige Besuche
von Präsidenten oder Vizepräsidenten gab es nie ...
SPIEGEL:
... im Dezember 1983 war immerhin Donald Rumsfeld als Sonderemissär von Präsident
Reagan in Bagdad zu Besuch bei Saddam Hussein. Heute ist er George W. Bushs Verteidigungsminister.
Ramadan: Rumsfeld?
Wer war schon Rumsfeld damals? Das war ein ganz unbedeutender Besuch. Als jedenfalls
1988 der Irak aus dem Krieg mit Iran siegreich hervorging, begann denn auch das
amerikanische Komplott: Washington dachte, der Irak sei nach dem Krieg geschwächt
und leicht in einen Vasallenstaat umzuwandeln. Doch dabei machten wir nicht mit.
SPIEGEL: Während
des Iran-Kriegs haben Ihnen die Amerikaner massiv geholfen: Washington wusste,
dass der Irak gegen seine Feinde bereits Giftgas eingesetzt hatte - und unterstützte
Sie trotzdem mit Satellitenaufnahmen von iranischen Stellungen. So was nennt man
wohl Doppelmoral.
Ramadan:
Diese Doppelmoral war keine Ausnahme, sie ist bis heute ein Wesenszug der amerikanischen
Politik: Uns werfen sie vor, wir besäßen Massenvernichtungswaffen,
obwohl sie genau wissen, dass das nicht stimmt. Gleichzeitig ist ihnen bekannt,
dass mehrere Länder in diesem Teil der Welt Massenvernichtungswaffen besitzen
- Israel zum Beispiel. Aber den Israelis wirft keiner vor, mit ihrem verbotenen
Waffenarsenal den Weltfrieden zu bedrohen.
SPIEGEL:
Der Irak gehört eben für Bush zur Achse des Bösen.
Ramadan:
Bleiben wir doch bei der Doppelmoral. Uns werfen sie einen Mangel an Demokratie
und Meinungsvielfalt vor - gleichzeitig haben sie Verbündete, auch hier in
der Region, die weder Parteien noch Parlamente kennen und wo die Machthaber nicht
gewählt, sondern von der Erbfolge bestimmt werden. Und warum? Weil diese
Länder erst gar nicht auf die Idee kommen, den Amerikanern zu widersprechen.
Wir hingegen haben ein Parlament, wir haben Parteien und Gewerkschaften. Amerika
misst immer mit zweierlei Maß.
SPIEGEL:
Die Amerikaner haben in den achtziger Jahren den Irakern den Import von Bakterienkulturen
gestattet, die zur Produktion biologischer Waffen geeignet waren.
Ramadan:
Nein, das ist ein Missverständnis. Was wir an Produkten importiert haben,
diente ausschließlich unserer Landwirtschaft und der Produktion von Lebensmitteln.
Auch die Nuklearforschung des Irak diente nur friedlichen Zwecken und stand schon
seit den siebziger Jahren unter Uno-Kontrolle. Im Übrigen hat der Irak bereits
1968 und 1972 die Verträge zur Nichtverbreitung von biologischen und Atomwaffen
unterschrieben.
SPIEGEL:
Die Regierung Bush will einen Regimewechsel in Bagdad. Die meisten Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen sind gegen eine unilaterale Aktion, wollen aber die Beseitigung
der Massenvernichtungswaffen. Werden die Uno-Inspektoren ungehinderten Zugang
zu allen Anlagen bekommen?
Ramadan:
Unsere Position zu den Uno-Inspektoren ist ganz eindeutig - was ihrer Mission
im Wege steht, ist in Wahrheit die Haltung der Vereinigten Staaten und Großbritanniens.
Sie wollen die Rückkehr der Inspektoren hinauszögern. Es war ja auch
nicht der Irak, der 1998 die Inspektoren des Landes verwiesen hat, auch nicht
der Weltsicherheitsrat - es war die Außenministerin der Vereinigten Staaten.
Wir haben immer wieder festgestellt, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen
besitzt. Als unsere Freunde in der arabischen Welt und in Europa uns nun baten,
die Rückkehr der Inspektoren zu erlauben, haben wir dem ohne jede Bedingung
und Beschränkung zugestimmt.
SPIEGEL:
Gilt diese Zusage auch für den Besuch von Saddams Palästen?
Ramadan:
Von uns aus mögen die Inspektoren suchen und inspizieren, wie und wo immer
sie möchten. Die Amerikaner hingegen wollen so lange warten, bis sie eine
Resolution erzwingen, die einen Angriff auf den Irak erlaubt.
SPIEGEL:
Nach den jüngsten Beschuldigungen von Präsident Bush soll der Irak auch
über unbemannte Flugzeuge verfügen, die Amerika mit Chemiewaffen attackieren
könnten. Ramadan:
(lachend) Mein Gott, das ist ja nicht mal Wunschdenken. Bush ist verrückt.
Das Problem ist nur, dass dieser Verrückte an der Spitze des mächtigsten
Landes dieser Erde steht.
SPIEGEL:
Wenn der Irak nichts zu verbergen hat, welchen Grund haben die Amerikaner dann,
auf diesen Angriff zu drängen?
Ramadan:
Die Auseinandersetzung um die Waffeninspektoren ist nur ein Vorwand. Bush geht
es um das irakische Öl. Washington möchte die Welt erpressen: Am Anfang
steht der Zugriff auf die Ölreserven der Golfregion, am Ende sollen drei
Viertel aller Erdölvorkommen auf der Welt von Amerika kontrolliert werden.
Nur ein unabhängiger Irak kann diesen Plan durchkreuzen. Schon heute gilt
der Irak als das Land mit den zweitgrößten Erdölreserven; unseren
Untersuchungen zufolge werden wir bald an erster Stelle stehen.
SPIEGEL:
Noch ist der Irak in seiner Auseinandersetzung mit den Amerikanern nicht ganz
allein. Doch Bagdad macht es seinen Fürsprechern nicht leicht.
Ramadan:
Unsere Freunde in der arabischen Welt und in Europa sollten sich durch den gegenwärtigen
Konflikt den Blick nicht verstellen lassen: Amerika will die Welt beherrschen
und treibt jedes Land, das sich seine Eigenständigkeit bewahren will, in
einen Konflikt hinein. Den Staaten, die sich diesem Hegemoniestreben entgegenstellen,
rate ich zusammenzustehen. Amerika wird sicher versuchen, einen Keil zwischen
uns zu treiben, um nachher wieder als Schiedsrichter aufzutreten.
SPIEGEL:
Die deutsche Bundesregierung hat sich den Zorn von US-Präsident Bush zugezogen,
weil sie - bei der gegenwärtigen Beweislage - jeden Angriff auf den Irak
ablehnt. Vertreten Ihre arabischen Bruderstaaten eine ähnlich entschiedene
Position?
Ramadan:
Die offizielle Position der arabischen Staaten ist zwar vergleichbar - so klang
es jedenfalls auf dem Gipfel der Arabischen Liga in Beirut und beim Außenministertreffen
in Kairo. Wenn Sie mich aber fragen, wie ehrlich es jeder einzelne dieser Staaten
meint, dann kann ich nur antworten: Das weiß allein Allah.
SPIEGEL:
Kuweit zum Beispiel hat die amerikanischen Angriffspläne gutgeheißen.
Ramadan: Das
ist keine Überraschung. Kuweit ist kein unabhängiger Staat, mit Kuweit
kann Amerika machen, was es will. Die selbstbewusste Haltung von Bundeskanzler
Schröder aber hat nicht nur in Europa, sondern auch in der arabischen Welt
Wirkung gezeitigt. Zum ersten Mal ist hier die politische Unabhängigkeit
Deutschlands deutlich geworden - und die Tatsache, dass die Deutschen nicht im
Fahrwasser der Amerikaner schwimmen.
SPIEGEL:
Die Amerikaner haben jetzt die Firma Siemens beschuldigt, blauäugig Produkte
an den Irak geliefert zu haben, die für militärische Zwecke genutzt
werden könnten.
Ramadan:
Vielen Deutschen werden ähnlich unsinnige Dinge vorgeworfen. Das ist purer
Neid, weil deutsche Firmen bei uns den größeren Handelsanteil haben.
Hinzu kommt, dass deutsche Irak-Beauftragte der Uno den Amerikanern Vorwürfe
gemacht hatten, das ist ein weiteres Motiv der amerikanischen Kritik an den Deutschen.
SPIEGEL: Zu allem
Übel soll jetzt auch noch ein Deutscher die irakische Fußballnationalmannschaft
für die nächste WM-Endrunde aufrüsten. Konnten Sie denn nicht einen
Franzosen oder Russen nehmen?
Ramadan:
Von wegen. Die Araber sind den Deutschen traditionell stärker verbunden als
anderen Nationen Europas, insbesondere seit den beiden Weltkriegen. Wir Araber
denken sehr ungern an die schlimme Kolonialherrschaft der Briten und Franzosen
zurück. Die Deutschen sind hier nie als Imperialisten aufgetreten.
SPIEGEL:
Deutschland ist indes kein ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat. Hoffen
Sie, dass Russland, Frankreich oder China die Amerikaner stoppen werden?
Ramadan:
Bis jetzt spielt der Weltsicherheitsrat eher eine Nebenrolle: England folgt den
Amerikanern schon aus ideologischen Gründen. Frankreich spielt ein doppeltes
Spiel und wird sich leider, wenn es darauf ankommt, auf die Seite Amerikas schlagen.
China ist mehr mit Taiwan und Korea befasst und lässt den Amerikanern in
anderen Weltgegenden freie Hand.
SPIEGEL:
Bleibt Ihnen nur Ihr traditioneller Freund Russland.
Ramadan:
Russland kann sich am ehesten gegen die Supermacht des Bösen stellen. Eine
solche Entscheidung könnte schon in Kürze fallen - und dürfte von
der Haltung Berlins stark beeinflusst werden. Das zeigt: Auch einzelne Staaten
können den Gang der Dinge bestimmen - sollten noch andere Regierungen Deutschlands
Beispiel folgen, wird das mindestens ebenso schwer wiegen.
SPIEGEL:
Wenn es nun aber zum Angriff der Amerikaner kommt - wie wollen Sie sich gegen
die größte Militärmaschinerie der Welt behaupten?
Ramadan:
Wir sind schon deshalb im Vorteil, weil nicht wir die Aggressoren sind, sondern
Amerika uns angreifen will. Die 25 Millionen Iraker verteidigen ihre Heimat. Wer
sein Vaterland verteidigt, wird am Ende immer siegen. Die militärische Großmacht
USA hat auch in Vietnam kapitulieren müssen.
SPIEGEL:
Aber General, in Vietnam geriet Amerika in einen Dschungelkrieg. Im Irak finden
Kriege in der Wüste statt.
Ramadan:
Jedes Terrain hat seine Tücken. Wir würden einen Krieg zwar lieber vermeiden,
aber wenn die Amerikaner darauf bestehen, freuen wir uns schon auf die Auseinandersetzung
mit ihren Bodentruppen. Die Verbundenheit des Volkes mit seiner Führung ist
im Irak sehr stark, viel stärker, als sie es in Vietnam war.
Wenn
der Krieg ausbricht, wird er allerdings nicht an den Grenzen des Irak Halt machen.
Die Interessen Amerikas sind dann überall gefährdet. Die Amerikaner
werden ihre Lektion bekommen.
SPIEGEL:
Das haben auch Slobodan Milosevic und die Taliban gesagt. Heute sitzt der Serbe
in Den Haag vor Gericht, und Mullah Omar versteckt sich vermutlich in den Bergen
von Afghanistan.
Ramadan:
Weder Serbien noch Afghanistan sind mit dem Irak zu vergleichen. Der Irak ist
nicht irgendein kleines Land, das von Amerika so einfach in die Knie gezwungen
werden kann - auch nicht unter Einsatz von Massenvernichtungswaffen.
SPIEGEL:
Amerika beschuldigt den Irak immer wieder, Verbindungen zum Taliban-Freund Osama
Bin Laden und dessen Terrornetzwerk al-Qaida zu unterhalten.
Ramadan:
Die ganze Welt weiß, dass das Unfug ist. Dafür gibt es nicht die Spur
eines Beweises. So etwas wäre für uns schon aus ideologischen Gründen
völlig undenkbar.
SPIEGEL:
Meinen Sie nicht, dass Bin Ladens Aufruf zum Heiligen Krieg gegen Amerika bei
einigen Arabern - auch bei Irakern - einen bestimmten Nerv trifft?
Ramadan:
Der Irak hat keinerlei Appelle Bin Ladens nötig. Die irakische Regierung
propagiert selbst den Kampf gegen die amerikanischen Hegemoniepläne und die
Ambitionen der Zionisten. Sie werden in den Reihen von Qaida nicht einen einzigen
Iraker finden. Aber Sie finden dort viele Saudi-Araber, Kuweiter, Ägypter
und Leute aus den Vereinigten Arabischen Emiraten - alles Staaten, die mit Amerika
verbündet sind.
SPIEGEL:
Die Amerikaner glauben, dass man sie auch in Bagdad als Befreier begrüßen
wird.
Ramadan:
Die Mentalität der Aggression wird Amerika in den Abgrund führen. Sie
sollen nur kommen. Wir warten.
SPIEGEL:
General Ramadan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.