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INTERVIEW mit Tariq Aziz, Vizepräsident Iraks

»Dieser Krieg wird die ganze Region in Brand setzen«

"Krieg wird ganze Region in Brand setzen"
Zwei Tage, nachdem sich Saddam Hussein per Referendum für weitere sieben Jahre im Amt hat bestätigen lassen, war Tariq Aziz, Vizepräsident Iraks, bereit zum Interview.

Im palastartigen Bau des Ministerrates wurde die kleine deutsche Besuchergruppe erst in die Empfangshalle geführt, wo die Deckenhöhe von 26 Metern erst einmal das Gefühl vermitteln, jählings zu schrumpfen. Dann ging es weiter in den Empfangsraum von Tariq Aziz, der schon im letzten Golfkrieg Saddams Stimme im Ausland war.

Herr Vizepräsident, in den letzten Tagen haben Sie die Entsendung von UN-Inspektoren in den Irak nicht nur begrüßt, sondern geradezu gefordert. Warum haben Sie die Inspektoren nicht viel früher ins Land gelassen? Hätte man damit nicht verhindern können, dass sich die Situation derart zuspitzt?
Wissen Sie, UN-Resolutionen beinhalten ja nicht nur die Entsendung von Inspektoren – sondern auch die Erleichterung und Aufhebung von Sanktionen, die Souveränität des Irak und Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Wir wollten alle diese Dinge zusammen klären. Aber das hat eben nicht funktioniert. Als dann in den vergangenen Wochen viele unserer politischen Freunde uns gebeten haben, der Rückkehr der Inspektoren zuzustimmen, haben wir okay gesagt. Aber just in dem Moment, als wir eingewilligt hatten, waren die Amerikaner schwer verärgert: Jetzt wollen sie die Inspektoren gar nicht mehr. Denn wenn die wieder hier sind und gründlich arbeiten, werden sie nichts finden. Und wenn sie das denn kund tun, werden die Briten und Amerikaner als Lügner da stehen. Das wollen sie verhindern.

Warum sollen das alles nur Täuschungsmanöver der Amerikaner sein?
Weil sie schlechte Absichten haben und lediglich mit ihrer kriegstreiberischen Politik fortfahren wollen. Wenn die Amerikaner von Massenvernichtungswaffen sprechen, ist das nur ein Vorwand für ihre imperialistische Politik. Sie geben es mittlerweile doch sogar schon zu. Sie wollen den Irak besetzen. Und dann eine Militärregierung unter einem US-General hier installieren. Außenminister Powell spricht offen darüber.

Ist die Kriegsgefahr denn gebannt, wenn die Inspektoren wieder im Irak sind?
Nein. Selbst wenn die Inspektoren im Irak sind, finden die USA leicht einen Vorwand für Krieg. Wie 1998: Da hatte es bei 400 Inspektionen in einem Monat genau vier Beanstandungen gegeben. Aber das wurde zum Anlass genommen, die Zusammenarbeit für gescheitert zu erklären und uns ohne jede weitere Vorwarnung zu bombardieren.

Und welche Orte werden diesmal für die Inspektoren gesperrt sein?
Überhaupt keine! Sollen die sich anschauen, was sie wollen. Und was die Paläste angeht: Ich und Kofi Annan haben in Wien ein gemeinsames »Memorandum of Understanding« verfasst, dass die Inspektoren auch dort hinein dürfen. Wir sind übrigens sehr froh, dass die deutsche Regierung angekündigt hat, deutsche Inspektoren ins UN-Team zu entsenden. Die waren ja damals auch schon hier und sind sehr qualifiziert, da freuen wir uns. Deutschland nimmt überhaupt eine ehrenvolle Rolle in diesem Konflikt ein. Wir hoffen auf die deutschen Experten, damit die Wahrheit herauskommt.

Wie wollen Sie denn im Falle eines Angriffs ihr Land gegen die übermächtige US-Militärmacht verteidigen?
Haben Sie das Referendum erlebt? Die Zustimmung des Volkes (das, nach offiziellen Angaben, mit 100 Prozent für eine weitere siebenjährige Amtszeit Saddams votiert hat). Die werden kämpfen, und sie werden keine amerikanische Regierung auf ihrem Boden akzeptieren. Heute stehen die USA und Großbritannien allein da. Vergessen Sie nicht 1991: Damals im ersten Golfkriege kämpften viele Staaten an der Seite der USA, sogar arabische Nationen – und wir haben trotzdem überlebt.

Ja, weil die Amerikaner damals gar nicht bis Bagdad vorgerückt sind
Nun, da ist eine Sache, die die Amerikaner ausblenden: George Bush, der Vater, wollte die Invasion. Aber als sie begann, merkten die Amerikaner, dass die Iraker tapfer kämpften und stoppten ihren Vormarsch, weil sie wussten, dass sie Verluste erleiden würden. Denn das wollen sie um jeden Preis vermeiden. Sie wissen, die benutzen Bomben, Missiles, aber alles ohne Verluste. Wir haben zwar damals 17 Flugzeuge von ihnen und den Briten abgeschossen, aber unsere Luftabwehr ist nicht gut genug, ihre sehr hoch fliegenden Jets zu treffen. Wenn es allerdings zum Bodenkampf kommt, dann heißt es nur noch: Mann gegen Mann.

Und deshalb wollen Sie diesmal den Krieg in den Städten austragen?
Nun, im Kampf Mann gegen Mann, was hat ein Amerikaner dann noch? Ein Gewehr. Dann ist all die militärische Übermacht dahin. Dann kommt es auf Mut, Entschlossenheit, die Kenntnis des Terrains an. Wir kämpfen in unserer Heimat und kennen jede Ecke, die Amerikaner werden verloren sein und hohe Verluste erleiden. Und: Wie viele Soldaten werden sie schicken? 250 000? Gut, aber wie viele Iraker gibt es? 25 Millionen, und alle werden kämpfen.

Was für Schutzmaßnahmen planen Sie dabei eigentlich für die Zivilisten?
Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor, und wir haben da ja Erfahrung: acht Jahre Krieg gegen den Iran, dann gegen Amerika. Unsere Bevölkerung weiß, was Krieg bedeutet. Und wissen Sie, wer absichtlich Zivilisten umbringt, das sind doch die USA. Wie in Afghanistan. Da haben sie schon viele Hochzeiten angegriffen und dann behauptet, auf sie sei geschossen worden.

Hassen die Iraker eigentlich die Amerikaner?
Nein, nur die Bushs und die US-Regierung. Alle US-Korrespondenten, die in letzter Zeit hier waren, haben wir sehr gut behandelt.

Wird der Irak, falls es zum Krieg kommt, Israel angreifen – wie 1991?
Nein.

Wieso sind Sie so sicher?
Wie sollen wir das anstellen? (lacht) Wir haben Israel damals angegriffen, weil wir die Möglichkeiten dazu hatten – und weil Israel indirekt den Krieg gegen uns unterstützte. Aber jetzt haben wir doch keine Scud-Raketen mit großer Reichweite mehr. Da können wir Israel gar nicht mehr angreifen. Heute bedrohen wir niemanden, wir wollen keinen Krieg, genug ist genug! Man sollte den Irak einfach sich selbst überlassen.

Aber was wird geschehen, falls es zum Krieg kommt?
Wir werden uns nur auf irakischem Territorium verteidigen. Aber dieser Krieg wird natürlich enorme Auswirkungen haben auf die anderen arabischen Völker, denken Sie nur an die Palästinenser. Da möchte ich absolut dem zustimmen, was Ihr Kanzler Schröder gesagt hat: Dieser Krieg wird die ganze Region in Brand setzen!

Was sagen Sie zu den Vorwürfen der Briten und Amerikaner, der Irak unterstütze Terroristen, etwa von der al-Qaeda?
Alles Blödsinn, wir haben keine Beziehungen zur al-Qaeda.

Aber was ist zum Beispiel mit Abu al-Abbas, der 1985 mit seinen Männern das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro im Mittelmeer entführte, wobei ein US-Bürger ermordet wurde, und der von den USA dringend gesucht wird? Der lebt doch in Bagdad.
Aber der Mann ist Palästinenser, der kämpft für sein Land und ist kein islamischer Fundamentalist, das ist doch kein Terrorist.

Das Interview führte Christoph Reuter






Iraks Vizepräsident Tariq Aziz: »Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor«